Mittwoch, 21. Juli 2010

Chemotherapie - Zweiter Block

Tropf, tropf, tropf, eine gelbe Flüssigkeit rinnt aus einem Beutel mit rotem Aufkleber am Infusionsständer zur Pumpe. Mittels dieser Apparatur wird mir ein Medikament exakt dosiert auf 24 Stunden verteilt in die Adern gepumpt. Methotrexat heißt der Wirkstoff und ein Arzt erklärte mir, dass die Wirkung mit dem Trick von manchem erfolgreichen Armeegeneral verglichen werden kann. Was taten Strategen, wenn sie merkten, dass ihre eigenen Truppen dem Gegner unterlegen waren und kaum eine Aussicht auf Sieg bestand? Sie stellten sich nicht dem offenen Kampf. Vielmehr versuchten sie die Nachschubwege des Gegners anzugreifen und abzuschneiden. Eine Armee ohne Nachschub wird bald besiegt sein. Als bekanntes Beispiel der jüngeren Geschichte kann die Schlacht um Stalingrad angeführt werden. Auch die Krebszellen brauchen Nachschub um wachsen und ihr böses Spiel treiben zu können. Da sie sich schnell teilen und aktiver sind als andere Körperzellen, werden die entarteten Zellen auch am stärksten durch Mangel an Nahrung beeinträchtigt. Hier setzt das Mittel an. 24 Stunden lang wird dem Blut der Nährstoffgehalt entzogen - so wurde die Wirkung mir als medizinischem Laien erklärt. Die Zellen in den Haaren überleben das nicht lange und die Schleimhäute im Körper leiden unter dieser Art von chemischer Diät. Vor allem aber bekommen die entarteten Zellen derartige Probleme, dass viele nicht überleben. Diese Wirkung ist beabsichtigt. Dass die Haare ausfallen und die Verdauung durcheinander gerät, nimmt man in Kauf. Schließlich geht es um (Über-) Leben oder Tod. Nach 24 Stunden hebt man die Blockade auf. Eine Blutprobe wird entnommen. Später gibt es eine Spritze mit einem Mittel, das meine Frau während der Schwangerschaft genommen hat. Schnell soll Nachschub an Nahrung kommen für die Körperzellen, die überleben dürfen.

Wie lange hält unser Glauben an Gott durch ohne Nachschub? Wer nach der Konfirmation erst zur Jubelkonfirmation wieder nach Gott fragt, wird wohl zu lange gewartet haben. Reicht es jedes Jahr zu Weihnachten an Gott erinnert zu werden? Bei so wenig Nachschub für unseren Glauben entsteht ein Phantasiebild von unserem Schöpfer. Es wächst die Überzeugung von dem lieben Gott, der geduldig zuschaut, wenn seine Geschöpfe ihre eigenen Wege gehen. Sollte etwas schief gehen, lässt dieser Gott sich ebenso geduldig den Vorwurf gefallen: “Gott, wo warst du?” Zerstörerische Krankheiten wie Krebs passen nicht in das Konzept von diesem Gott. Unser Glaube braucht regelmäßig Nachschub und Versorgung. Wer sich jeden Sonntag Zeit nimmt, um auf Gott zu hören und ihn anzubeten, wird mehr erfahren über Gottes Allmacht. Wie oft braucht mein Glaube Nachschub und Gottes Nähe, bis ich erahnen kann, wie tödliche Krankheiten und Leid und Tod auch in sein Konzept passen?

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