Dienstag, 8. Juni 2010

In der Notaufnahme - die Station der Deplatzierten

Drei Betten, drei Männer um die 50, drei Schicksale wurden zusammen gesteckt in ein Zimmer der Notaufnahme. Wir reden nicht viel miteinander. Jeder versucht sich mit der neuen Situation irgendwie zurecht zu finden und keiner fühlt sich hier wirklich am rechten Platz. Der Herr am Fenster war gerade damit beschäftigt, das Büro seiner Firma in ein größeres Gebäude umzuziehen. Das klingt nach Erfolg. Doch in der Hektik bekam er Durchfall und dann einen Kreislaufzusammenbruch. Jetzt sitzt er auf seinem Bett und schaut zum Fenster hinaus. Vermutlich sortiert er in Gedanken seine Aktenschränke oder geht seine Kundenlisten durch. Die Ärzte werden seinem Kreislauf bald wieder auf die Sprünge helfen. Vielleicht genießt er die Auszeit sogar.

In der Nacht räumen die Schwestern High-Tech Apparaturen an das mittlere Bett. Ein etwas beleibter Herr zieht ein. Ein Stechen in der Brust und Atemnot haben ihn in die Notaufnahme gebracht. Doch es war kein Herzinfarkt - noch nicht. Der Kreislauf muss beobachtet werden. Am nächsten Morgen wird sein Handy nicht kalt. Irgendwo sitzt sein Sohn am Computer und bekommt e-mails diktiert. Jemand anderes muss Telefonnummern heraussuchen. Termine werden geändert und Absprachen getroffen. Es wird ja bald weiter gehen, das normale Leben. Da lässt man sich durch so einen Zwischenfall nicht aus der Bahn werfen. Schließlich wird es doch nichts mit der schnellen Entlassung. Er wird verlegt in ein anderes Krankenhaus. Da ist wohl doch eine OP fällig.

Und was ist mit mir? Ich greife auch zum Handy und sage erstmal den Englisch-Unterricht für nächste Woche ab. Auch der Gottesdienst in München muss wohl abgesagt werden. Warum konnte dieser dumme Virus, oder was immer den Grund der Krankheit ausmacht, nicht wenigstens noch die eine Woche warten. In Gedanken bin ich bei den Vorlesungen in der Ukraine. Danach wäre ja eher Zeit gewesen für eine Heilbehandlung. Wenn das Leben so schön läuft, muss man doch nicht in der Notaufnahme die Zeit absitzen.

Bei der Visite blättert der Arzt durch meine noch dünne Akte und besieht sich die Daten. Gedankenversunken wippt er auf den Zehenspitzen und sagt nichts. Morgen wird mit einer Reihe Untersuchungen begonnen. Später erfahre ich, dass ein Blutwert, der normal bei 150 bis 250 liegen soll, bereits auf über 3000 gestiegen war. Das deutet auf einen extrem überhitzten Stoffwechsel hin. Ob dem Arzt schon klar war, dass dies als Anzeichen für marodierende Krebszellen zu werten ist?

Ein älterer Herr bezieht das mittlere Bett. Er kann seit Tagen nichts mehr essen. Gerade noch verhandelt er mit dem Arzt, ob er seine Unterschrift unter die Risikobelehrung für eine Magenspiegelung setzt. Eigentlich wollte er sich solchen Unannehmlichkeiten nicht aussetzen. Dann kommen die Ergebnisse vom CT. Eine Notoperation ist angesagt, die einen Darmverschluss beheben muss. Hektisch wird er auf die OP vorbereitet. Zwischendurch kommt über die Lautsprecheranlagen die Durchsage “Nordpol Zi 271!”. Die Ärzte und Schwestern lassen alles stehen und liegen und stürmen los. Später erzählt man sich auf Station, dass die Hilfe zu spät kam. Ein Patient konnte nicht reanimiert werden. Die Familie war gerade zu Besuch gewesen. Im Krankenhaus kommen sich Tod und Leben näher als sonst.

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