Samstag, 5. Juni 2010

Krankenhaus aus der Bett-Perspektive

Die Abflüge werden auf dem Airport in Lemberg tatsächlich mit Blechschildern ausgehängt. Den Flug mit Carpat Air gibt es. Auf dem Check-in Schalter steht kein Computer. Eine nette Dame sucht meinen Namen in einer ausgedruckten Liste, macht einen Haken und schreibt meine Bordkarte per Hand. Mein Gepäck wandert im nächsten Raum durch die Röntgenmaschine und ich nehme es selbst wieder in Empfang (!) um es durch die Halle an eine Luke in der Wand zu bringen, durch die es ein Angestellter auf den draußen abgestellten Gepäckwagen wuchtet. So beschaulich kann ein internationaler Flughafen sein.

Die Propeller an zwei Rolls Royce Motoren machen genügend Wind um die kleine Maschine in den morgendlichen Himmel zu heben. Es geht über eine Puszta-Landschaft zunächst nach Südwesten. In Timisoara wartet der Anschlussflug nach Stuttgart - ebenfalls eine kleine Propeller-Maschine. Die niedrige Flughöhe lässt die Landschaft genießen. Eigentlich könnte es ein schöner Flug sein, wenn da nicht das Fieber und die Gliederschmerzen wären und die beunruhigenden Gedanken, dass es sich wohl doch um Schlimmeres als nur eine Grippe handelt.

Nach der pünktlichen Landung in Stuttgart hört die Beschaulichkeit auf. An der Passkontrolle warten gefühlte 500 Leute vor mir. Das kann dauern. Als ich endlich durch bin, wird der Carpat-Air Flug schon gar nicht mehr angezeigt an den Gepäckbändern. Meinen Koffer bekomme ich doch noch und draußen erwartet mich Claudia mit den Kindern. Süß: sie haben beide eine Rose in der Hand um den kranken Papa willkommen zu heißen. Doch die heiße Sonne hat die Rosen schon geknickt und sie sehen so krank aus wie ich. Wir fahren zu meinen Schwiegerelten.

Die Servicespalte des Schwarzwälder Boten weist einen Orthopäden als Notarzt aus für dieses Wochenende. Meine Schwiegermutter winkt ab. Zu dem braucht ihr nicht zu gehen. Morgen hat ihre Hausärztin den Notdienst. Die würde sie empfehlen. Da ich ohnehin mit stationärer Behandlung meiner vermeintlichen Lungenentzündung rechne, gehe ich doch zum Orthopäden - wegen der Einweisung in das Krankenhaus. Mit Stolz zeigt er mir, dass er die kyrillischen Buchstaben auf den Medikamenten entziffern kann, die man mir mitgegeben hat. Beim Abhören meiner Lunge findet er nichts Konkretes. Dann verabschiedet sich der Arzt von der Schulmedizin und bittet mich auf seiner Liege Platz zu nehmen. Ich soll mein Knie anwinkeln und er drückt dagegen und stellt mir - oder meinem Knie einige Fragen. Anhand der Körperspannung will er die Wahrheit herausfinden. Einen Finger auf den Lungenpunkt - und “ja” ich habe eine Lungenentzündung. Dann nimmt er eine Kapsel des ukrainischen Antibiotikums und raspelt mit seinem Schweizer Taschenmesser ein paar Krümel der Außenhülle auf meine Zunge. Mein Knie bzw. meine Körperspannung soll die nächste Frage beantworten. Ja, das Mittel wirkt. “Der Körper weiß mehr!” lautet seine Devise. Da hätte ich auch in der Ukraine zu einer Kräuterfrau gehen können - denke ich mir so - die hätte mir noch ein paar Tees oder warme Umschläge verordnet. Vorsichtig frage ich nach der Möglichkeit, in das Krankenhaus eingewiesen zu werden. “Das geht auch”, meint er und mit dem Überweisungsschein geht es zur Klinik in Nagold.

Hier hat mich die Schulmedizin wieder mit der Routine der Notaufnahme, EKG, Blutabnahme, Fiebermessen, Röntgen. Ergebnis: Die behandelnde Ärztin konnte auf der Röntgenaufnahme nichts dramatisches erkennen, wird mir ein Antibiotikum verordnen und mich nach Hause schicken. Doch sie will zunächst die Laborergebnisse meiner Blutwerte abwarten. Dann kommt sie mit bedenklicher Miene. Einige Blutwerte liegen so schief, dass sie mich nicht gehen lassen kann.
Nachdem ich meine Tasche in den Schrank platziert und mein Bett belegt habe, spüre ich kein Entsetzen, plötzlich im Krankenhaus gelandet zu sein. Vielmehr macht sich sogar Erleichterung breit. Vielleicht stimmt es ja: “Der Körper weiß mehr!” Tief drin weiß mein Körper wohl schon, dass es hier nicht um eine Infektion geht oder eine Lungenentzündung. Aber meine Gedanken wollen das nicht wahr haben.

Krankenhauszimmer habe ich oft betreten für Besuche und in den letzten Jahren als Taxifahrer, wenn ich Patienten abholen musste. Doch jetzt liege ich hier und starre an die Decke. Das hatte ich das letzte Mal vor vier Jahrzehnten.

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