Dienstag, 1. Juni 2010

Zu krank für Vorlesungen

Das Seminar St. Sophia der Ukrainischen Lutherischen Kirche befindet sich weit außerhalb der Stadt Ternopil in ländlicher Umgebung. Pastor John Vogt, ein alter Bekannter, hatte mich am Flughafen abgeholt und wir waren gerade noch zum Schluss der Vorlesungen angekommen. Die Zeit reicht noch zur Begrüßung und zum Bekanntmachen. Es gibt einige bekannte Gesichter, die meisten Pastoren kenne ich nicht. Ich habe die Wahl, entweder hier im Seminargebäude auf einer Luftmatratze zu nächtigen oder mit in die Stadt zu fahren und bei Vogts zu Gast zu sein. Die Entscheidung fällt mir nicht leicht. Der Kontakt zu den anderen Pastoren und der Austausch nach den Vorlesungen wird wohl am besten gelingen wenn ich vor Ort wohne. Doch dann wird bekannt, dass die Wasserversorgung in diesem Ortsteil zusammengebrochen ist. Man hat heute bei den Anwohnern Geld gesammelt, um die defekte Pumpenanlage reparieren lassen zu können. Das kann dauern. Die Infrastruktur hier liegt weit entfernt von den Standards, an die wir uns gewöhnt haben. Auch der Strom kommt und geht, wie die maroden Leitungen es gerade erlauben. Ich halte mich nicht gerade für einen Warmduscher, aber ganz ohne fließend Wasser und das womöglich eine Woche lang - da ziehe ich doch die Einladung zu Familie Vogt vor.

Der Vorlesungstag beginnt mit einer Andacht, die auf Englisch gehalten und dann ins Russische übersetzt wird. Auch die Vorlesung läuft zweisprachig. Prof Brug pausiert an jedem Satz und lässt die Übersetzerin ihre Arbeit tun. Auf diese Weise wird die Sprachbarriere überbrückt - jedoch das Zuhören erschwert. Beschwerlich wird es für mich, weil die Wirkung von Paracetamol nachlässt. Ich hatte gemeint jetzt auf das Medikament verzichten zu können. Doch das war ein Irrtum. Die Gliederschmerzen kommen zurück. Der Rücken schmerzt, sodass ich kaum sitzen kann. Die Konzentration lässt zu wünschen übrig und ich sehne mich nach den Pausen, in denen ich mich lang legen kann. Das kann ja heiter werden. Als ich in der folgenden Nacht kaum schlafen kann, entschließe ich mich zu einem radikalen Schritt. Ich brauche drei Tage ein Bett in dem ich mich ausschlafen und die was-immer-auch-für-eine Grippe ausschwitzen kann. Es muss in der Stadt doch erschwingliche Hotelzimmer oder Pensionen geben. Schnell ist ein Zimmer für mich gefunden. Ich klinke mich also aus den Vorlesungen dieser Woche aus in der Hoffnung, für das Programm am Wochenende und besonders dann in der zweiten Vorlesungswoche fit zu sein.

Oleg, der ukrainische Ortspastor und Sekretär am Seminar, weist mich bedeutungsvoll darauf hin, dass es in Ternopil durchaus gute Ärzte gibt und dass er mir jederzeit einen Termin organisieren kann. Der Gedanke, hier im Ausland nun doch zum Arzt gehen zu müssen, sollte schnell jede Krankheit vertreiben. Also verlasse ich mich auf das Paracetamol, dass ich hier in der Apotheke erstehen konnte und auf zwei oder drei Tage Ruhe und meine Schwitzkur unter der Bettdecke.

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