Montag, 25. Oktober 2010

“Wir haben Sie geheilt!”

“Wir haben Sie geheilt!” Das waren die Abschiedsworte des Stationsarztes. “Seine Worte in Gottes Ohr!” denke ich zuerst. Dann sollte ich eigentlich vor Freude tanzen und die ganze Welt umarmen. Ich werde als geheilt entlassen. Doch mir ist nicht nach Jubel zumute. Vielmehr kann ich kaum die Kraft aufbringen, um aus dem Bett zu kommen. Es gibt da offenbar einen Unterschied zwischen “geheilt” und “gesund”. Wenn ich nicht schon aus Erfahrung wüsste, dass die unmittelbaren Nebenwirkungen der Chemo bald nachlassen werden, würde ich noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.  Man kann getrost sagen, dass mich die Ärzte mit ihrer Behandlung in dieser Woche mal wieder so richtig krank gemacht haben. Das ist der erste Eindruck. Doch der äußerliche Eindruck täuscht. Die Ärzte haben mich in sofern geheilt, dass sie die Krebszellen abgetötet haben mit ihren Medikamenten (hoffentlich alle, sodass sich keine erneut vermehren können). Was mich jetzt krank macht, sind allesamt Nebenwirkungen der Chemo. Die Zeit muss jetzt die vielen kleinen Wehwehchen heilen oder die Reha (“Anschlussheilbehandlung”) Ende November. Bis ich wieder gesund bin, können noch Monate in’s Land gehen.

Trotzdem, wenn die Worte des Stationsarztes eine Art Abschlussdiagnose darstellen, dann gibt es viel Grund zur Dankbarkeit. Dankbar bin ich für die Kunst der Ärzte und die Betreuung in der Klinik. Dankbar bin ich für die vielen kleinen Handgriffe der Schwestern, die dafür gesorgt haben, dass die Infusionen richtig liefen. Vor allem gilt der Dank Gott, meinem Ober-Arzt. IHM danke ich, dass er die Hand der Ärzte bei allen Entscheidungen geführt hat und dass es zu keinen Komplikationen und Zwischenfällen gekommen ist, die eine erfolgreiche Behandlung verhindert hätten. IHM kann ich auch die Sorge anvertrauen, ob wirklich alle Krebszellen abgetötet werden konnten und dass die Krankheit nicht erneut ausbricht.

“Wir haben Sie geheilt!” Da schwillt die stolze Brust des Mediziners und sie können ja wirklich stolz sein. Durch das Können der Hämatologen ist Blut- oder Lymphknotenkrebs nicht mehr das Todesurteil, der er noch vor einer Generation war. Doch dieser Stolz bekam in den letzten Tagen einen faden Beigeschmack. Die Ärzte wollen mich nicht gehen lassen. Es stehen noch einige Behandlungen und Nachuntersuchungen an, die ambulant durchgeführt werden. Dazu hatte ich auf eine Überweisung aus Sindelfingen zu einem Arzt in der Nähe unseres Wohnortes gehofft. Doch die Überweisung blieb aus. Als ich mich selbst um eine Arztpraxis in Wangen kümmerte, war die Reaktion der Krankenhausärzte eher frostig. Sie scheinen allen Ernstes zu erwarten, dass ich wegen der ambulanten Termine jeweils die 250 km vom Allgäu nach Sindelfingen fahre, wenn ich diese Untersuchungen auch mit 2 km Fahrweg vor Ort haben kann. Da scheint unter den Ärzten noch echte Kleinstaaterei zu herrschen.

Ich darf nach Hause. Die nächste Woche über werden wir noch im Schwarzwald wohnen, wo Frau und Kinder für die vergangenen Monate eine vorübergehende Bleibe bei der Verwandtschaft gefunden haben. Und bald können wir ganz zurück in unser zu Hause in Wangen. Für die nächsten Wochen gilt allerdings erstmal die Warnung des Chefarztes: “Werden Sie nicht leichtsinnig!” Die Immunabwehr des Körpers wird auch diesmal wieder in den nächsten Tagen zusammen brechen. Die  Gefahr einer Infektion besteht auch nach der letzten Chemo. Trotzdem: Die Ärzte gehen davon aus, dass sie den Krebs geheilt haben. Gott sei Dank!

Montag, 18. Oktober 2010

Chemo Nr. 6

Zwei Wochen in der Freiheit gingen viel zu schnell vorüber. Die erste Woche verbrachten wir in Wart im Schwarzwald bei Claudias Bruder. Die Ärzte wollten, dass ich noch in der Nähe der Klinik bleibe. Claudia hatte nicht nur einen kranken Mann zu versorgen, sondern auch kranke, verschnupfte Kinder. In der zweiten Woche habe ich mich für die Blutkontrolle in Wangen angemeldet in der Praxis, die vielleicht für die nächsten Jahre die Nachsorge übernehmen kann.
Das letzte Wochenende brachte einiges an Abwechslung. Pastor Kubitschek kam zur Vertretung in den Süden. So hatten wir einen Gottesdienst in Vorarlberg und Gäste zur Übernachtung und am Sonntag noch einen Gottesdienst mit zwei Taufen in Stuttgart. Für einen routinierten Pastor bringt es eine ganz eigene Erfahrung, wenn man in der Kirchenbank sitzt. Eigentlich wäre es ja meine Aufgabe  - und meine Freude - gewesen, die Kinder zu taufen. Immerhin wurde ich gebeten, das Patenamt zu übernehmen. Man scheint doch damit zu rechnen, dass ich noch ein paar Jahre gesund sein werde ;-)

Heute geht's wieder in die Klinik zum nächsten Block der Chemotherapie. Diesmal ist's das letzte Mal. Endspurt sozusagen. Gott kann es schenken, dass die letzten Infusionen auch die letzten lebenden Krebszellen abtöten, die möglicherweise bis jetzt überlebt haben.

Wenn ich in einer Woche nach Hause komme, werde ich vielleicht schon keine PICC-Line mehr an meinem Arm haben (der Schlauchanschluss für die Infusionen). Dann könnte ich theoretisch wieder schwimmen gehen und nachholen, was ich im Sommer verpasst habe. Nur, dass jetzt die Blätter fallen und die Herbstnebel nicht mehr zum Badengehen einladen.

Montag, 4. Oktober 2010

Fachchinesisch

Rituximab, Vincristin, Methotrexat, Dexamethason, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Cytarabin - so liest sich im Arztbrief die Liste der Medikamente, die mir im Verlauf der letzten Woche in die Adern gepumpt oder in das Gehirnwasser gespritzt wurden. Beim Reigen so klangvoller Namen kann man ja nicht anders als gesund werden. Nunja, die meisten dieser Medikamente - oder sollte ich “Gifte” sagen - gehören zur Gruppe der Zytostatika. Was sie tun, kann der Arzt offenbar dem Laien nicht wirklich erklären. Wer genauer nachfragt, bekommt Hinweise auf die Mechanismen in den Zellen, die bei der Zellteilung die Erbinformation (DNA) verdoppeln und an die neu entstehenden Zellen weitergeben. Die Medikamente der Chemotherapie greifen an verschiedenen Stellen in diese Mechanismen ein, um die Verdopplung der DNA zu vereiteln und so die Zellteilung zu verpfuschen. Was übrig bleibt wird über die Nieren und den Gang zum Örtchen ausgeschieden. Um diese Ausscheidung am Laufen zu halten, gab es in der vergangenen Woche zudem noch literweise Infusionen mit Kochsalzlösung und Zuckerwasser. Der Cocktail von so vielen verschiedenen Medikamenten wird notwendig, weil die Krebszellen schlau sind. Einige entwickeln die Fähigkeit, die auf sie abgefeuerten tödlichen Gifte zu erkennen. Wie mir der Arzt sagte, bauen sie “Pumpen” an ihre Zellwände, die das Gift nach draußen befördern. Das gelernt und überlebt, werden die Zellen resistent - also unempfindlich gegen ein bestimmtes Mittel. Da die gelernte Information an die Tochterzellen weitergegeben wird, können sich ganze Stämme von Krebszellen bilden, denen eines der Mittel nichts mehr anhaben kann. Daher hilft zum Auslöschen der Krebszellen, wenn bald noch ein ganz anders geartetes Gift hinterherkommt, dass hoffentlich nicht auch entdeckt wird und doch zum Absterben der schlauen Krebszelle führt.

Dummerweise hören nicht nur die Krebszellen auf die Totenglocken der Zytostatika. Alle Körperzellen, die gerade wachsen, sind betroffen - auch die ganz normal wachsen sollen. Die Haare können nicht mehr weiter wachsen und fallen aus. Daran erkennt man ganz offensichtlich Chemo-Patienten. Aber auch Schleimhäute leiden unter dem Dauerbeschuss. Die Zunge wird taub und auch das beste Essen schmeckt wie Gummi mit Seife. Wenn es dumm kommt, bilden sich wunde, schmerzende Stellen im Mund und im Rachen. Dagegen hilft nur mehrmals täglich eine peinlich genaue Mundhygiene. Der Magen will nicht mehr und schickt die Kalorien retour. Auch die Darmschleimhäute bekommen ihr Teil und verweigern den Dienst. Die Fingerkuppen werden wund, sodass die Tastatur des Computers nur noch mit langen Fingernägeln bedient werden kann. Manchmal ziehen die Kuppen der Zehen nach, sodass man keine Schuhe mehr anziehen kann. Davor bin ich bisher allerdings verschont geblieben. All das sind für den Arzt kleine Wehwehchen und es gibt eine Spritze hier oder eine Salbe da und man kann sich trösten mit der Hoffnung, dass es in einer oder zwei Wochen wieder besser gehen wird.

Der eigentliche Ärger, den auch die Ärzte mit wachem Auge beobachten, kommt an anderer Stelle: Auch die Bildung neuer Blutzellen gerät aus dem Gleichgewicht, sodass es bald an weißen Blutkörperchen mangelt oder auch an den roten oder dass Blutplättchen fehlen und noch so einige andere Bestandteile einer gesunden Blutbildung. Das kann lebensbedrohlich werden. Das Immunsystem versagt seinen Dienst (die weißen Blutkörperchen), es kann zu unkontrollierten Blutungen kommen (die Blutplättchen) und das Atmen fällt schwer (die roten). Um diese Entwicklung zu begleiten und ggf. Gegenmaßnahmen einzuleiten, ruft man mich auch nach der Entlassung aus der Klinik zwei Mal in der Woche zur Blutkontrolle zurück ins Krankenhaus. Neulich las ich, dass es wohl bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis sich all diese Verschiebungen wieder normalisiert haben.

Der weitverbreitete Zelltod im Körper nach einer Chemo-Behandlung bewirkt die allgemeine Kraft- und Mutlosigkeit, die die Chemotherapie zu einer Rosskur macht, die wohl nur zu ertragen ist mit der festen Hoffnung, dass Heilung am Ende der Behandlung steht. Ich kann gut verstehen, wenn Krebskranke Chemotherapien abbrechen oder ganz verweigern, wenn es doch keine Hoffnung auf Genesung gibt. Was ist schwerer zu ertragen: der schleichende Tod, den ein Tumor mit seinen Metastasen bringen kann oder eine Behandlung, die Schritt für Schritt auch das Lebenslicht ausbläst? Kommende Generationen werden möglicherweise zurückblicken auf die Chemotherapien unserer Zeit wie wir auf Aderlass und Blutegel im Mittelalter. Man wird vielleicht den Kopf schütteln und denken: “wussten die damals nicht, dass Krebs .....” Wer den Satz heute schon zutreffend zu Ende führen kann, dürfte ein Kandidat für den Nobelpreis sein.

Nach einer letzten Dosis Zytostatika ins Gehirnwasser werde ich entlassen. Zu Hause darf sich mein geschundener Körper erholen bis er reif ist für die nächste Chemo. Meine Frau hat mit den Kindern das Wochenende mit dem Tag der Deutschen Einheit als gute Schwäbin in Sachsen verbracht. Es trifft sich, dass sie gerade auf der Autobahn den Raum Stuttgart erreicht, als ich fertig bin für die Entlassung. So holt sie einen Ehemann aus dem Krankenhaus, dem es vor einer Woche noch recht gut ging und der jetzt wieder auf dem Zahnfleisch kriecht.

Samstag, 2. Oktober 2010

Testergebnis: unbezahlbar

Befund negativ! Auf diese gute Nachricht wartet so mancher Patient, wenn Tests durchgeführt und Proben eingeschickt wurden. "Negativ" heißt in dem Zusammenhang: es wurde keine Krankheit (mehr) gefunden, was in den meisten Fällen eine recht positive Nachricht darstellt.

Das Material aus meiner neuesten Knochenmarkpunktion wurde nicht nur im heimischen Labor des Krankenhauses ausgewertet, sondern auch in ein Speziallabor nach Kiel geschickt. Was die Befunde angeht, gibt’s eine Enthüllung eigener Art. Am Beginn meiner Behandlung wurde eine Anzahl von etwa 10 hoch 12 erkrankter Zellen in meinem Körper gefunden (bzw. hochgerechnet) - also eine 1 mit 12 Nullen. Im hauseigenen Labor können nur entartete Zellen nachgewiesen werden über einer Anzahl von etwa 10 hoch 9. Wenn es weniger sind, bleiben sie unerkannt. Diese Zahl war in meinem Fall schon nach dem zweiten Block der Chemo unterschritten, was auf ein gutes Ansprechen der Behandlung deutet. Diesmal wurde eine Probe nach Kiel eingeschickt, wo Molekularuntersuchungen durchgeführt werden, um einen sogenannten MRD-Wert zu bestimmen - was so viel heißt wie “minimale Resterkrankung”. Mit den aufwändigen Methoden eines Speziallabors können auch Krebszellen in deutlich kleineren Zahlen nachgewiesen werden, die sich irgendwo im Körper versteckt halten.

Und der Befund? Negativ: die Krankenkassen bezahlen diese Untersuchung nicht. Als sich die Behandlungsmethoden noch in der Testphase befanden, wurden solche Untersuchungen aus öffentlichen Fördertöpfen bezahlt, sagte mir der Arzt. Aber diese Töpfe sind leer. Folglich wird meine Probe in Kiel nur auf Eis gelegt. Falls die Leute im Labor mal nichts anderes zu tun haben, könnte es sein, dass sie einen Befund schicken. Läuft also meine Behandlung jetzt im Blindflug weiter?

Es hat wohl seinen Grund, warum die Krankenkassen solche aufwändigen Tests nicht bezahlen. Beim Stöbern im Internet las ich, dass diese Tests ein Testergebnis “positiv” zeigen können ab einer Anzahl von 100 000 erkrankten Zellen . Was darunter liegt, bleibt auch dem Labor in Kiel verborgen. Man muss sich vorstellen, dass ein Rest von einer handvoll entarteter Zellen ausreicht, um die Krankheit erneut ausbrechen zu lassen. Theoretisch würde eine einzige überlebende Krebszelle genügen. Folglich hätte ein “negativ” aus Kiel keine beruhigende Aussagekraft. Ob nach der Chemotherapie noch eine Rest-Krankheit vorhanden ist, wird man erst zuverlässig sagen können - Test hin, Test her - wenn sich in zwei Jahren keine Zellen vermehrt haben werden und die Krankheit nicht erneut ausgebrochen sein wird. Es bleibt also abzuwarten, ob Mr. L nach der letzten Chemo völlig aus meinem Körper ausradiert wurde. Gott möge es schenken. Und die Krankenkassen sollen ihre begrenzten Mittel besser für wichtige Heilbehandlungen ausgeben.

Montag, 27. September 2010

Von den Grenzen der Schulmedizin

Punkt neun steht das Taxi vor der Tür. Meine Krankenhaustasche ist gepackt. Ich fühle mich gesund und könnte meine letzten Wehwehchen zu Hause ausheilen. Doch nein, der Eindruck täuscht. Da schwirrt möglicherweise noch eine gute Zahl entarteter Zellen in meinem Blut- und Lymphsystem. Noch zwei Blöcke Chemotherapie stehen auf dem Programm, um auch die letzten überlebenden Krebszellen auszuradieren. Also geht’s heute wieder in die Klinik, zum vorletzten Mal und wieder für eine Woche. Der Empfang in der Klinik läuft schleppend. Als ich endlich mein Bett auf der Station habe, steht schon das Mittagessen auf dem Tisch.

Noch bevor ich die Vorsuppe löffeln kann, kommt die Visite in’s Zimmer geschneit. Zwei Ärzte schauen mich unschlüssig an und es wird schnell klar, dass die Herren in Weiß nicht mit mir hinter dieser Zimmertür gerechnet hatten. Wer weiß, ob da gerade jemand verlegt oder entlassen wurde. Der Oberarzt versucht, sich keine Blöße zu geben und fragt nach meinem Ergehen. Als Gesprächseinstieg - so jedenfalls meine Vorstellung - erzähle ich, dass es in der letzten Woche wenig an unangenehmen Nebenwirkungen gab und ich sogar Brennholz “aufgebeigt” habe. Seine Antwort überrascht mich. Ein paar kurze Floskeln bekomme ich zu hören, die vermutlich gut zu einem Treffen mit dem Nachbarn auf der Treppe im Hausflur gepasst hätten. Ob ich mit der Axt in den Wald gezogen wäre, will er wissen. Und schon sind die Ärzte wieder draußen.

Irgendwie spüre ich einen faden Geschmack auf der Zunge, obwohl die Chemo noch gar nicht angefangen hat. Nach meinem Gefühl hätten sich die Ärzte nach meinem Befinden erkundigen sollen, und zwar nicht nur nach den rein medizinischen Aspekten, die sie aus den Blutwerten ablesen können.  Hätten sie sich nicht auch nach meiner Familiensituation erkundigen sollen und den Tagen in der Heimat? Darüber hinaus hätte ich gerne mit ihnen meine Erfahrung besprochen, dass ich in Wangen für die Blutkontrolle eine onkologische Praxis gefunden habe. Man hätte mir erläutern sollen, was in dieser Woche der Chemo auf mich zukommt und worauf ich mich einstellen sollte. Doch all das kommt nicht zur Sprache.

Während ich meine Gabel in die Kartoffeln steche und das Geschnetzelte koste, muss ich meine Gedanken zusammen nehmen. Nein, der erste Eindruck täuscht. Ich werde hier nicht veralbert oder links liegen gelassen. Wie immer werden meine Befunde von dem zuständigen Arzt sorgfältig ausgewertet. Meine Medikamente wurden in der Krankenhausapotheke ganz persönlich für meine Behandlung abgestimmt. Heute Nachmittag noch wird die Behandlung beginnen mit einem Medikament, das erst vor wenigen Jahren auf den Markt gekommen ist, und die Heilungschancen für meine Krankheit um über 20% auf mehr als  80% gesteigert hat. Ja, die Schulmedizin kann mir helfen, und zwar meinem Körper. So eine kleine Panne bei einer Visite darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auf höchstem Niveau für meinen kranken Körper gesorgt wird.

Doch genau darin zeigen sich die Grenzen der Behandlung in einer modernen Klinik, die Grenzen der Schulmedizin überhaupt. Für den Körper wird gesorgt mit Fachwissen auf nie gekanntem Niveau und mit ständig erweitertem medizinischem Aufwand. Die Sorge für die ganze Person des Patienten mit Körper und Seele findet in dem System der Schulmedizin jedoch keinen Platz und von den Krankenkassen keine Bezahlung.

In einem Gespräch in der vergangenen Woche mit einer homöopathischen Ärztin anthroposophischer Prägung war ich auf dieses Spannungsfeld hingewiesen worden. Die alternativen Heilmethoden haben den ganzen Mensch im Blick und darin liegt die Stärke der Nicht-Schulmediziner. Deren Arzneimittel erscheinen fraglich und ihre Wirkung kann rein statistisch kaum nachgewiesen werden. Und doch spricht so manche Behandlung an, die jenseits des Fachwissens der Schulmediziner von alternativen Heilern angeboten wird. Sie setzen bei der Seele des Patienten an und können sogar auf Medizin verzichten, die am Körper eine nachweisbare Wirkung erzielt.

Es wäre unfair zu sagen, dass die Schulmedizin versagt hat. Im Gegenteil, sie kann beachtliche Erfolge vorweisen, was von alternativen Heilmethoden rein statistisch gesehen nicht gesagt werden kann. Und doch fällt die Schulmedizin im Ansehen der Patienten, gerade dann, wenn schnelle Heilung nicht möglich ist oder sogar die ehrliche Prognose gestellt werden muss: “Wir haben keine Mittel mehr zur Verfügung gegen ihre Krankheit!” Ein so umfangreiches Gebäude der medizinischen Wissenschaft wurde aufgebaut, dass dem Patienten im Krankenbett nicht mehr vermittelt werden kann, was mit ihm in seiner Behandlung gerade geschieht. Die Antworten der alternativen Heiler - und so mancher Scharlatane - lassen sich da viel leichter begreifen und geben die gesuchte Hoffnung - auch wenn diese sich als trügerisch erweisen muss.

Unser Schöpfer hat uns mit einer lebendigen Seele ausgestattet. Beide, Körper und Seele sind beteiligt, wenn es um Krankheit, Gesundheit und Heilung geht. Doch den Zusammenhang von Körper und Seele kann die medizinische Wissenschaft mit ihren Methoden kaum beschreiben. Gott, der Schöpfer unseres Körpers entzieht sich den Methoden der Wissenschaft. Jesus, unser Herr und Heiland kann nur durch den Glauben erkannt werden. Umfassende Heilung kann nur dort geschehen, wo der Draht zu dem besten Arzt geschaltet ist, wo Menschen im Glauben erfassen, dass Krankheit, Heilung und Gesundheit in Gottes Hand liegen. Jesus zeigt in der Geschichte vom Gichtbrüchigen (Markus 2, 1-12), dass ein gesundes Verhältnis zu Gott und damit die Heilung der Seele sogar Vorrang hat vor der Heilung körperlicher Gebrechen. Ein Gelähmter wird mit großem Aufwand zu Jesus gebracht und durch ein Loch im Dach an Seilen vor seinen Füßen abgelegt. Und Jesus sagt ihm: “Dir sind deine Sünden vergeben!” Alle staunen oder ärgern sich. Dazu hätte sich wohl keiner die Mühe gemacht, ein Dach aufzureißen. Und doch: Frieden mit Gott zu haben, das ist das wichtigste. Erst dann sagt Jesus noch fast beiläufig: “Nimm dein Bett und geh heim!”

Ich bin froh, dass durch den erfahrenen Dienst der Ärzte für meinen Körper gesorgt ist. Und es gibt mir Kraft zu wissen, dass so viele zu Gott beten, dass er mir Heilung und Kraft schenkt an Körper und Seele.

Samstag, 25. September 2010

Ängstlich wie die Kinder


Hurra, wir können stehen!
Kinder werden erst interessant, wenn sie einigermaßen reden können. So hatte ich bisher gedacht. Doch unsere Zwillinge belehren mich eines besseren. Es macht offenbar einen Unterschied, ob man fremde Kinder nur gelegentlich sieht, oder ob man Tag für Tag die Entwicklung bei den eigenen Kindern beobachten kann. Töchterchen hat mal wieder den Vorreiter gemacht und sich als erste aus eigener Kraft hochgezogen an den Gitterstäben des Bettchens. Sie kann auf den eigenen Beinchen stehen. Inzwischen beherrscht Sohnemann den Trick auch. Dabei benutzt er eine ganz andere Technik als seine Schwester. Aus dem Vierfüßlergang streckt er die Beine aus und dann braucht er eine Treppenstufe oder die gute alte Zeitungskiste neben dem Ofen, um sich aufzurichten. Dann stehen sie und freuen sich über die neue Perspektive. Nur eins fehlt ihnen noch. Sie haben noch nicht den Mut, einen Fuß vor den anderen zu setzen. An die Idee, dass Gott die Beine zum Fortbewegen gegeben hat, trauen sie sich alle beide noch nicht heran. Sollen wir ihnen zeigen, wie man läuft? Nun, bisher haben sie all die Tricks selbst herausgefunden, die wir ihnen mühsam beibringen wollten vor der Zeit. Alle Mühe war umsonst, die Kinder anzuregen, gezielt nach Spielzeug zu greifen. Plötzlich konnten sie es von selbst. Auch das Hinsetzen konnten wir ihnen nicht beibringen. Als die Muskeln stark genug waren, taten sie es von selbst. Ich gehe mal davon aus, dass die ersten Schritte auch kommen werden, wenn die Zeit dafür reif ist. Schließlich sind die beiden gerade mal neun Monate alt. Ob ich auch so viel Mühe hatte, laufen zu lernen? Zum Glück habe ich meine Erinnerungen an diese Plackerei verloren.

Übrigens hat die Kunst, gezielt greifen zu können, ganz konkrete soziale Folgen. Töchterchen nimmt ihrem Bruder mit einem gezielten Griff den Schnuller weg oder das Spielzeug, mit dem er sich gerade beschäftigt. Der Kleine bewegt seine Hände dann aber zu tollpatschig, um das Verlorene zurückerobern zu können. Tränen gibt es aber kaum - bisher. Schließlich liegt genügend Spielzeug herum um und die Aufmerksamkeit von Schwesterchen hat sich bald auch wieder anderen Dingen zugewendet und der Kleine findet seinen Schnuller unbeachtet auf dem Boden liegen.

Allein sein wollen die beiden nicht. Solange sie gemeinsam spielen, können wir nach nebenan gehen. Doch wenn Claudia ein Kind nach oben genommen hat zum Wickeln oder Baden, dann braucht das andere den Blickkontakt zum Papa. Ansonsten geht das Gebrüll los. Dabei muss ich nur auf die andere Seite des Ofens gehen oder in die Küche und kann sogar noch durch reden oder singen auf mich aufmerksam machen. Es hilft nichts, die Kleinen bekommen scheinbar Angst, wenn sie niemanden mehr sehen.

Die Bibel verwendet oft die Kinder als Vergleich für unser Verhältnis zu Gott. Hier liegt wohl auch ein Vergleichspunkt. Wir wollen Gottes große Werke in unserem Leben sehen und spüren. Sobald ER schwere Tage zulässt und Schicksalsschläge schickt, dann muss er wohl in den Urlaub gegangen oder mit etwas anderem beschäftigt sein. So denken wir ganz kindlich. Dabei ist Gott immer in Rufweite und schläft und schlummert nicht. Nur unser Blick scheint manchmal so kurzsichtig zu sein wie bei den Babies, die sich verlassen fühlen, wenn niemand mehr in Sicht ist.

Donnerstag, 23. September 2010

Ein Vorrat für viele Wintermonate

beiga: schlichten, stapeln” so erklärt das Schwäbischwörterbuch den Sinn eines Wortes, das in diesen Tagen im Schwabenland Hochkonjunktur hat. Der Winter naht, auch wenn keiner daran denken möchte. Bis dahin will genügend Holz in der “Beige” aufgebeigt haben, wer auf gut schwäbische Art das Geld für’s teure Heizöl spart und seine Stube mit Holz heizt. Wir tun’s auch und so galt eine meiner Aktivitäten während des Heimaturlaubs dem Holz. Fünf Meter (Raummeter, wie der Holzhändler sagt) bekamen wir geliefert. Im Vorfeld hatte ich mir schon Sorgen gemacht, wer das “aufbeigen” übernehmen könnte und ob wir jemanden zu Hilfe rufen sollten. Doch dann war meine Frau beinahe enttäuscht, dass ich ihr so wenig übrig gelassen habe von der urschwäbischen Arbeit. Ja, tatsächlich, es ging. Die alten Kräfte sind noch nicht zurück, doch sie kommen wieder. Ich fühle mich unsicher. Wie viel an körperlicher Arbeit kann ich mir abverlangen? Wann würde ich mich überfordern und die Heilung gefährden? Die Ärzte haben mir nahe gelegt, mich viel zu bewegen und den Körper wieder in Schwung zu bringen. Da kommt das Brennholz gerade recht und produziert wohltuenden Muskelkater. Besser als auf dem Sofa sitzen sind solche Aktivitäten wohl allemal. Und da die Brennholzfirma nicht alles Holz an einem Tag liefert, kommt mir’s gerade recht. So kann ich den Rest der Arbeit auf morgen vertagen.

Schließlich ist alles Holz drin - gutes, trockenes Buchenholz in langen Scheiten - und ich verschraube die Gitter vor der Beige wieder. Fertig. Da kommt mir der Gedanke: jetzt kannst du ruhig auf den Winter warten - du hast einen Vorrat auf viele Monate. Vielleicht reicht es sogar noch bis zum nächsten Winter. “Iss und trink und habe guten Mut”. Ups, das waren die Gedanken vom “reichen Kornbauern” aus dem Lukasevangelium. Jesus kommentiert diese Art von Vertrauen auf die großen Vorräte: “Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du aufgehäuft hast?”

Ja, wer wird das Holz verfeuern, das ich so mühsam aufgebeigt habe? In den vergangenen Jahren habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Mein Holz verheize ich. Doch mit den potenziell tödlichen Krebszellen im Blut sieht die Rechnung anders aus. Mir steht die Warnung von Jesus klarer vor den Augen. Es kann schnell sein, dass Gott meine Seele von mir fordert. Dann bleiben alle Vorräte zurück, die ich mir gesammelt habe.
 Nicht nur Krebszellen bedrohen unser Leben. Auch durch Unfälle oder Herzinfarkte kann Gott unerwartet unsere Seele einfordern. Wer will schon da stehen wie der reiche aber unkluge Kornbauer, dem die Warnung galt: "So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott." (Lukas 12, 21)?