Freitag, 2. Dezember 2016

Sechs Jahre später

Eine Erinnerung an das Krankenhaus
Gelegentlich führte unser Weg auf der Autobahn A 81 an Sindelfingen vorbei. Dann überkam mich oft der Wunsch, noch einmal über die Station des Krankenhauses zu gehen, auf der ich die Chemo über mich ergehen ließ. Das hatte ich mir doch in den Tagen der Behandlung gewünscht: als Gesunder an den Krankenzimmern vorbei zu gehen.
Am vergangenen Sonntag war es so weit. Wieder auf der Autobahn und noch genügend Zeit im Gepäck und vor allem, keine Familie dabei. Nass war es, kalt und nebelig - wie sich das für den November gehört. Im Krankenhaus kamen die Erinnerungen nur mühsam wieder. Der Eingangsbereich war ja gerade in der Zeit meiner Behandlung umgebaut worden. Ich musste erst überlegen, auf welchen Knopf ich drücken muss im Fahrstuhl. Und dann stand ich tatsächlich auf dem langen Gang von Dr. Ritters Onkologie und ging vorüber an den Zimmern mit dem Schild "Umkehrisolierung" und den Wagen mit dem medizinischen Gerät. Ich war seither als Besucher über so manche Krankenstation in verschiedenen Krankenhäusern gelaufen. Mir scheint immer noch, dass diese Station 3 mit ihrem langen, geraden Gang und der blau-grauen Farbe besonders abstoßend erscheint. Vielleicht liegt es aber daran, dass ich eine Ahnung habe von dem Elend, dass sich hinter den Zimmertüren abspielt.
Gott sei Dank! Ich bin wieder gesund. Die Zwillinge, die damals in den Monaten meiner Chemo gelernt hatten, sich hin zu setzen und ihre Finger zu gebrauchen, die lernen seit September zu lesen und zu schreiben.
Was meine Lymphom-Geschichte betrifft: der Onkologe will mich nur noch einmal im Jahr zur Kontrolle sehen und die endete bisher erfreulicherweise mit: "Ansonsten stabiler Befund ohne Hinweis auf Rezidiv".
Gott hat mir die Kraft zurück gegeben, etwas in seinem Weinberg zu wirken. Oder etwas technischer gesagt: nach zwei Rehas und einigen Mühen am Anfang, konnte ich nach ca einem Jahr wieder voll arbeiten. Ein paar "Zipperlein" sind geblieben wie z.B. die Gefühllosigkeit in den Fußballen. Auch die Konzentrationsfähigkeit ist nicht wie vor der Chemo-Attacke. Allerdings stellt sich die Frage, welche der "Mängel" inzwischen mehr auf mein Alter zurück zu führen sind als auf die Chemo. Immerhin gehe ich auf die 60zig zu, wie meine Frau zu betonen pflegt.
Allen, die in diesem Blog lesen, weil sie selbst mit der Diagnose Blutkrebs / Lymphom betroffen sind, kann ich Hoffnung machen: So wie es Gott in meinem Fall geführt hat, gibt es Hoffnung, die Krankheit zu überwinden und sechs Jahre später ein weitgehend normales Leben zu leben. Die Diagnose Krebs kommt in dem Fall nicht mehr einem Todesurteil gleich.
Und doch hinterlässt die Erfahrung einer Chemo ein tieferes Wissen, dass unser Leben endlich ist - und es kann schneller zu Ende gehen, als wir uns das gedacht haben. Wie gut ist es da zu wissen, dass Jesus am letzten Tag dieser Welt die Toten auferwecken wird. Wichtiger als über Krankheit und Heilung nachzudenken ist es daher zu wissen, Jesus schließt mir die Himmelstür auf.

Mittwoch, 26. September 2012

"Wie es scheint, ist es überstanden!"

Mit dieser guten Nachricht kam Jonas vor einigen Tagen von seinem letzten vierteljährlichen Besuch beim Onkologen zurück. Ab sofort braucht er nur noch zweimal im Jahr zur Kontrolle zu gehen.

Wir sind Gott sehr dankbar für diesen Befund!

Jonas hat immer noch mit einigen Nachwirkungen der Chemotherapie zu tun und hofft, dass die bevorstehende Kur noch einiges an Besserung bringt. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist - damit lässt es sich leben und arbeiten.

Claudia

Sonntag, 10. Juli 2011

Geheilt auf Bewährung

"Vollständige Remission in Heilungsbewährung" konnten wir letzte Woche in der Anhörung des Zentrum für Familie und Soziales Bayern lesen. Mit diesen Worten wurde Jonas mitgeteilt, dass nach Berücksichtigung aller Faktoren seinen Grad der Behinderung auf 80% herunter gestuft werden soll. Da haben wir's wieder mal schriftlich: Jonas gilt derzeit als geheilt - allerdings eben "auf Bewährung". Die Ärzte halten sich mit solchen Aussagen eher bedeckt. Was kümmert es da noch, dass "Polyneuropathie" dabei steht? Immerhin hat Jonas Hoffnung, dass sich die Nervenenden in Fingern und Zehen noch regenerieren werden.

Wir haben viel Grund zum Danken. Seit 1. Juni arbeitet Jonas wieder voll. Es ist wirklich ein Wunder, dass er fast genau ein Jahr nach der Diagnose wieder zu 100% arbeitsfähig erklärt werden konnte. Unser Gott ist groß! Er weiß, warum diese einjährige Aus-Zeit dran war.

Manche Ereignisse wiederholen sich. Dieses Jahr fuhr Jonas wieder nach Pfingsten zur Pastoralkonferenz und ich ging ebenfalls wieder mit den Kindern zu meinen Eltern. Vergangenes Jahr hatten wir es genauso gemacht ohne zu ahnen, dass aus den geplanten drei Wochen im Schwarzwald fünf Monate werden würden. Andere Ereignisse wiederholen sich nicht. Eine Woche später waren wir diesmal wieder alle wohlbehalten zurück im Allgäu.

Claudia

Mittwoch, 16. März 2011

Mein neues Hobby

Erst Schmalfilm, dann Super8, dann VHS und irgendwann kamen die Camcorder ganz ohne Zelluloid aus. Wer kennt das nicht: Die Begeisterung beim Drücken des  Aufnahmeknopfes steckt an. Mich jedoch konnte die Möglichkeit, selbst Filme zu drehen, bisher nicht begeistern. Die Fotographie habe ich als Hobby schon von meinem Vater geerbt. Doch um die bewegten Bilder machte ich einen Bogen. Meine Spiegelreflex wurde mit Diafilm geladen und dann kam eine handliche Digitalkamera. Ein Bild sagt mehr als tausend Video-Clips. Mit den stehenden Bildern lässt sich eine Urlaubsreise wunderbar nacherzählen. Amateur-Videos hingegen werden als langweilig empfunden. Man vergleicht sie sofort mit den professionellen Dokumentationen und Filmen, die das Fernsehen liefert. Wer kann schon mit den Profis und ihrer Technik mithalten? Während alle Welt filmte, war ich bei meinen stehenden Bildern stehen geblieben.

Das Ende meines Verzichts begann mit einem Abend im Oktober, als Taktzente - mein Chor in Wangen -  einen Abend beim Anglo-Stammtisch (dem ich in gesunden Zeiten auch angehöre) gestaltete. Wie üblich ging die Mütze rum für die Sänger. Doch die entschieden sich, auf die Gage zu verzichten zugunsten ihres kranken Mitsängers und seiner Familie. Als wir dann nach der Chemo wieder zu Hause wohnten, kamen zwei Leute des Vorstandes zu Besuch und überreichten uns einen dicken Umschlag. Einzige Bedingung für die großzügige Spende: das Geld sollte für ein Projekt mit Spaßfaktor verwendet werden. Heraus kam eine neue Kamera mit Video-Funktion. Zu Weihnachten lag dann noch Software für den Video-Schnitt und ein Buch als Anleitung auf dem Gabentisch. Seither teste ich den Spaßfaktor der Filmchenmacherei. Als Schauspieler stehen unsere Zwillinge jederzeit am Set bereit, ganz ungeschminkt und doch genial. Ich muss nur gelegentlich die Tapsen abwischen, die die kleinen Finger auf der Linse der neuen Kamera hinterlassen. Ein herzliches Dankeschön an den English-Club und an die Taktzentler!
  • hier eine Kostprobe aus meiner Video-Schneiderei - klick
Fraglich, ob ich jemals wieder zu meinen Foto-only Standards zurückkehren werde. Ich muss wohl zugeben: Jahrzehnte nach der Hoch-Zeit der Schmalfilmerei hat mich das Film-Fieber gepackt. Und die Festplatte füllt sich an jedem sonnigen Tag mit neuen Videoclips. Mehr Speicher braucht das Hobby.

Dienstag, 15. März 2011

Entwarnung - teilweise

Alle drei Monate wird es spannend und die drei Monate sind um. Kontroll-Untersuchungen stehen auf dem Plan. Ich gehe davon aus, dass die Krebszellen alle an Chemo gestorben sind. Nur noch gesunde Zellen kümmern sich um die Regeneration meines Blutes. Aber: Vertrauen ist gut, Wissen ist besser. Daher muss ich für die nächsten zwei Jahre jedes Vierteljahr zu einer großen Untersuchung. Vier Mal im Jahr gibt es nervöse Wochen in Erwartung des Befundes. Daumen hoch oder Daumen runter? Mein Blut wird untersucht und das Knochenmark angezapft. Die Proben gehen  in Speziallabore nach München und Tübingen. Außerdem wird der ganze Körper mittels Computer-Tomographie durchleuchtet. Falls doch wieder irgendwo unerwünschtes Wachstum passiert, will man schnell einschreiten können.

Eigentlich war das Vierteljahr nach der letzten Untersuchung schon Mitte Februar um. Doch die Ärzte hatten es nicht eilig. Ist doch nur eine Routine-Übung. Inzwischen wurde es Anfang März, bis endlich die Termine für die Untersuchung standen. Seit Montag liegen die Befunde auf dem Tisch. Ergebnis: Negativ! Hurra, es gibt keine Krebszellen im Knochenmark oder im Blut - zumindest lassen sich keine nachweisen. Gott sei Dank! ER hat Heilung geschenkt. Und bisher ist es dabei geblieben. Ich habe mir in den letzten Wochen umsonst Sorgen gemacht.

Allerdings erschien den Ärzten beim Auswerten der CT-Bilder noch etwas unklar - und zwar in meiner Lunge. An der Stelle, die schon am Anfang meiner Krankheit zu dem Verdacht auf Lungenentzündung geführt hatte, stimmt etwas nicht. Was da los ist, lässt sich wohl auch anhand der computergenerierten Röntgenbilder nicht ganz klären. Der Arzt sagt: Da machen wir eine Verlaufskontrolle. Beobachten ist also angesagt. Bereits in sechs Wochen wird man mich wieder durch die Röhre schieben und durchleuchten. Dann wird sich zeigen, ob da etwas wächst.

Das Ende meiner Krankschreibung rückt näher. Ich darf wieder ans Arbeiten denken. Im April will der Arzt mit mir einen Plan aufstellen, wie ich langsam und schrittweise wieder in das Arbeitsleben einsteigen kann. Zunächst sollen ein paar Arbeitsstunden jede Woche geplant werden, dann halbtags und wenn alles gut läuft, winkt die Gesundschreibung. Wird dann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen?

Donnerstag, 3. März 2011

Krebs - (k)ein Thema

Als neulich eine Bekannte anrief und sich nach meinem Befinden erkundigte, berichtete ich erst von den Kindern und wie sie laufen gelernt haben. Dann erzähle ich von mir. Ich habe Zeit, meinen Hobbys zu frönen. Meinen Computer habe ich umgebaut. Jetzt ist das Gerät auf dem neuesten Stand und besitzt genügend Muskeln,  um zügig Videos schneiden zu können. Ehe ich mich noch mehr in Einzelheiten verlieren kann, kommt von der anderen Seite die Bemerkung, dass ich von meiner Krankheit und Genesung offenbar nichts mehr zu erzählen habe.

In der Tat, Krebs tritt in den Hintergrund. In den letzten Wochen ist ein Alltag eingezogen, der kaum noch an die Krankheit erinnert. Vormittags sitze ich am Schreibtisch. Da ich den normalen Dienst noch nicht wieder aufnehmen kann, suche ich mir nach Lust und Laune heraus, was ich mir vornehmen will. Richtig arbeiten ist noch kaum möglich. Dazu fehlt die Konzentrationsfähigkeit. Ganz ohne Termindruck kann ich jedoch tun, was mir Freude macht - und was mich davor bewahrt, ganz einzurosten. Den Nachmittag widme ich dann entweder den Kindern oder nehme mir Arbeit in Haus und Garage vor. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich bei dem Versuch ertappe, den Gedanken an die Krankheit auszublenden. Krebs darf jetzt kein Thema mehr sein.

Neulich sind wir auf der Autobahn in Sindelfingen vorbei gefahren. Sofort waren alle Erinnerungen wieder da. Sollten wir einen kurzen Abstecher machen hoch zum Krankenhaus? Nein, danke - dazu habe ich derzeit keine Lust. Ich wüsste keinen Grund, warum ich die Erinnerung an die Chemo-Therapie pflegen sollte.
Und doch bleibt Krebs ein Thema. In der kommenden Woche stehen zwei Arzttermine an. Jetzt kommt die Kontroll-Untersuchung, die eigentlich für Mitte Februar geplant war. Alle sagen mir: “Mach dir keine Gedanken! Du musst einfach davon ausgehen, dass keine neuen Krebszellen wachsen.” Ja, davon sollte ich ausgehen...

Noch auf eine andere Art und Weise bleibt Krebs ein Thema. Am Freitag trifft sich in Lindau eine Selbsthilfegruppe für Lymphomkranke. Da bin ich eingeladen. Schon zweimal war ich dort. Am Anfang hatte ich Zweifel. Krebs wird dort ganz sicher ein Thema sein. Will ich das wirklich? Wichtig sind solche Treffen für Leute mit chronischen Lymphomen und Leukämien. Bei diesen Diagnosen bleibt Krebs ein Dauer-Thema. Die Betroffenen leben von Medikamenten und von der Hoffnung, dass der Krebs auf ein erträgliches Maß beschränkt bleibt. Aber ich? Wenn es stimmt, dass ich geheilt bin, brauche ich doch eher den Abstand von alledem.

Nachdem meine eigene Krankheit immer weniger ein Thema bildet, kommen andere in den Blick. Da gibt es so viele, die selbst mit Krebs zu kämpfen haben oder in der Familie eine Tragödie erleben. Mit der eigenen Erfahrung kann ich jetzt viel besser mitfühlen und auch mitreden.  Hier tut sich mir ein anderer Blick auf meine eigene Erfahrung auf. Vielleicht kann ich anderen helfen, die sich mit dem Problem Krebs konfrontiert sehen. Freilich wäre es verlockend, wenn ich zeigen könnte: Seht, Krebs kann geheilt werden. Krebs stellt nicht mehr die ultimative Bedrohung für das Leben dar. Die Medizin gibt Hoffnung. Doch ich weiß ja, dass Krebs nicht gleich Krebs ist. Gegen viele Krebserkrankungen hat auch heute die Medizin kein heilendes Mittel zur Verfügung. Doch es gibt eine Hoffnung. Die reicht über die Krankheiten dieses Lebens hinaus. Diese Hoffnung ruht auf dem, der im sterben ausrief: “Tetelestai!” Mit dieser Hoffnung kann Krebs getrost ein Thema bleiben.

Dienstag, 11. Januar 2011

Krebs in Gedanken

Etwas Nachtschweiß oder ein Tag nicht ganz so gut in Form wie sonst - und schon kommen trübe Gedanken. Bin ich den Krebs wirklich los? Zwar hatte der Arzt im Krankenhaus mich nach der Chemotherapie entlassen mit der Bemerkung: “Wir haben Sie geheilt!” Es hatte einige Zeit gedauert, das zu glauben. Zuerst lag es an der miserablen allgemeinen Verfassung. Jetzt kommt mit zunehmender Besserung langsam das Vertrauen in die alte Maschine, meinen Körper zurück. Doch die Zweifel kommen nicht zur Ruhe.
Da habe ich einen Knoten am Unterkiefer ertastet. Wahrscheinlich nichts besonderes. Doch ich beobachte mich dabei, wie ich immer wieder diese Stelle kontrolliere. Wächst etwas? Verschwindet das Ding wieder? Immerhin hatte ich mal einen Zimmernachbarn, bei dem der “Nachschlag” an Krebs im Unterkiefer wieder aufgetaucht war.

Mein nächster Arzttermin liegt erst Mitte Februar. Aber ich muss sowieso mal in die Onkologie. Die netten Damen von der Versicherung haben ein Papierchen für unauffindbar erklärt. Das muss ich neu ausstellen lassen. Bei der Gelegenheit frage ich nach, was von dem Knoten zu halten ist und bekomme nicht die erwartete Antwort. “Ach, das kann alles mögliche sein, machen Sie sich da mal keine Gedanken!” Die Antwort beginnt in der Art, geht aber anders weiter. “Das kann alles mögliche sein - auch ein neues Lymphom. Das müssen wir beobachten und ggf. rausschneiden und untersuchen lassen.” Ups! Das klingt nicht gerade beruhigend.

Auf dem Weg nach Hause versuche ich meine Gelassenheit wieder zu finden. Die diensthabende Ärztin kam nicht in das Computersystem rein. So sassen wir gemeinsam vor ihrem Bildschirm und warteten auf das Ende der Sanduhr. Nach einigen Minuten fragte sie mich kleinlaut nach meiner Diagnose und warum ich hier in Behandlung bin. Mit Computer hat sie alle Unterlagen griffbereit. Ohne den Rechner jedoch steht sie im Nebel. Folglich konnte sie mir gar nichts verbindlich sagen. Also sollte ich ihren Worten nicht zu viel Gewicht beimessen. Sie hat ja nur versucht, das Gesicht zu wahren trotz fehlender Anzeige meiner Kartei. Es heißt in jedem Fall abwarten, was die nächste Untersuchung des Knochenmarks bringt.

Jedenfalls ist der Krebs noch da - in meinem Kopf. Nein, damit ist kein Hirntumor gemeint. Der Krebs lungert noch in den Gedanken herum und kann da ganz schnell neue Tumore ersinnen. Ich lese gerade “Krebs - eine Nacherzählung” von W. Schneyder. Er erzählt die Geschichte vom Krebs seiner Frau und wie sie das letzte Jahr erlebt haben. Der berichtet auch von “Gehirn-Krebs”, einer Art Krebs, die man nicht so schnell aus den Gedanken entfernen kann. Was tut man gegen solchen Gedanken-Krebs? Vielleicht hilft es, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Vielleicht wäre es besser, das ganze Thema aus den Gedanken zu verbannen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das beste ist wohl, alles in Gottes Hand zu legen. Bei ihm können auch die trüben Gedanken zur Ruhe kommen.

Freitag, 7. Januar 2011

Gesundes Neues Jahr?

Der Besuch ist abgereist. Der Weihnachtsschmuck wird verpackt. Die Zweige unseres Weihnachtsbaums dienen zum Anheizen. Der Weihnachtstrubel ist vorbei. Das neue Jahr hat begonnen.

Es liegt nichts an. Im Terminkalender herrscht gähnende Leere. Und ich genieße das. Das ist seltsam. Zeigt sich so das neue Lebensgefühl nach einer noch nicht ganz überstandenen Krankheit? Keine Sehnsucht nach Trubel.  Kein Tatendrang. Ich genieße einfach die Ruhe. Da machen sich die Narben der Chemotherapie bemerkbar.
Der Zustand wird noch ein Vierteljahr anhalten, sagen die Ärzte. So lange noch muss ich rechnen, bis ich wieder an das Arbeitsleben denken kann. Die Formel lautet ganz einfach: für die Rekonvaleszenz muss so viel Zeit eingeplant werden, wie die  Chemotherapie in Anspruch genommen hat.

Was werde ich tun bis zu Ostern? Nun, mir wird die Zimmerdecke nicht auf den Kopf fallen. Mein Schreibtisch steht ja noch da und auf dem türmen sich Stapel von ungelesenen Zeitschriften und Büchern. Ich könnte mich mal so richtig in die Fachliteratur vertiefen. Doch bisher fallen die Augen zu schnell zu beim Lesen. Dann beschäftige ich mich mit meinen Hobbys, die zum guten Teil auf dem Bildschirm meines Computers ablaufen. Meine Frau mahnt, ich soll endlich mal die Lücken am Anfang meines Blogs auffüllen. Entwürfe habe ich noch einige auf meinem Computer. Aber wird noch jemand zurück gehen an den Anfang meines Blogs und dort nachlesen?

Zum neuen Jahr hat man mir Gesundheit gewünscht: “Vor allem Gesundheit, das ist das Wichtigste!” Einerseits hat das vergangene Jahr schmerzlich daran erinnert, wie viel Wahrheit in diesem Wunsch steckt. Was nützen Erfolg, Wohlstand, vielleicht so gar der eine oder andere Luxus? Eine entartete Zelle im Blut reicht. Wenn das Immunsystem diese nicht auszuschalten vermag, dann kann auch das glücklichste oder erfolgreichste Leben schnell zu Ende gehen.

So bringt “Vor allem Gesundheit - das ist das Wichtigste!” andererseits trübe Gedanken. Dieser Wunsch kann so schnell ins Leere laufen wie die vielen guten Vorsätze für das neue Jahr. Wenn Gesundheit vor allem geht, dann fährt mein Leben bereits auf dem Abstellgleis. Meine Gesundheit ist ruiniert. Gut, durch die Kunst der Ärzte habe ich Aufschub bekommen - vielleicht 15 Jahre, vielleicht noch länger. Womöglich reicht die Verlängerung auch nur für wenige Jahre. Doch eins steht fest. “We are all terminal! - Wir sind alle unheilbar krank.” So wird “Dr. Tod” Jack Kevorkian zitiert - ein amerikanischer Arzt, der für aktive Sterbehilfe eintritt und sich wiederholt vor Gericht verantworten musste. In dem einen muss man ihm Recht geben. Wir alle sind unheilbar Kranke. Die Sterberate liegt bei genau 100%. Mit dem Blick auf die Gesundheit wird das neue Jahr nicht mehr als nur eine weitere Etappe im Kampf, das Unvermeidbare hinauszuzögern. “Vor allem Gesundheit!” - das ist ein Rezept zum verzweifeln.

Es muss mehr geben. Da muss es ein Lebensziel geben, das von der persönlichen Gesundheit nicht abhängt. Künstler schaffen für den Ruhm, den die Nachwelt ihren Werken zollen wird. Politiker kämpfen für ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Aber ich, was treibt mich voran? Es muss eine Hoffnung geben, die sich von dem sicheren Ende nicht trüben lässt. Es muss eine Hoffnung geben über die Gebrechlichkeit dieses Lebens hinaus. Der, der “tetelestai” ausgerufen hat, gibt diese Hoffnung. Vor allem Hoffnung! - das wünsche ich allen für 2011.

Samstag, 25. Dezember 2010

Fröhliche Weihnachten

Aus ganz verschiedenen Gründen wird Weihnachten als ein frohes Fest gefeiert. Die Kinder freuen sich auf bzw. über die Geschenke. Die Großen freuen sich über ein paar Tage frei, herrliches Winterwetter oder über das Familienfest des Friedens und der Harmonie. Und gelegentlich fällt der eine oder andere Grund zum weihnachtlichen Frohsinn auch weg. Doch ein Grund zur Freude bleibt: Gott kommt zu uns. Das ewige Licht erhellt unsere Dunkelheit. “Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes erschien” - wie es in einer der biblischen Lesungen zu Weihnachten heißt aus dem Titusbrief (Tit 3, 4 -7).

Ich wollte wissen, ob ich noch Predigten schreiben kann nach der langen Pause. Da habe ich es mit einer Weihnachtspredigt versucht. Gehalten habe ich die Predigt dann nur im Familienkreis, denn mehr kann ich mir beim jetzigen Stand der Rekonvaleszenz nicht zutrauen. Und das war schon aufregend genug. So gab es für mich noch zusätzliche Gründe für ein fröhliches Weihnachten.  Ich konnte zu Hause sein und mit der Familie feiern. Was sonst so selbstverständlich klingt, erscheint dieses Jahr als ein Wunder. Es hätte auch ganz anders kommen können. Mit den Erlebnissen des letzten halben Jahres erscheint Weihnachten zu Hause und einigermaßen gesund als ein großartiges Geschenk. Ich hätte Weihnachten auch in einer Klinik verbringen können mit dem Infusionsschlauch am Arm wo “Stille Nacht” vom Surren der Infusionspumpe unterbrochen wird. Es hätte auch ein Weihnachten zu Hause geben können mit der Aussicht bald danach wieder in der Klinik antreten zu müssen. Es hätte sich die Furcht vor den Ergebnissen des nächsten Arztbesuchs wie ein Schatten über die Weihnachtsfreude legen können wie bei so manchem, der mit dem Krebs leben muss. Und auch dann wäre Weihnachten das Christfest geblieben, das Fest an dem wir erinnert werden, dass Christus der Retter gekommen ist, um uns herauszuholen aus einer kranken und todverfallenen Welt.

Doch Gott hat es geschenkt, dass für mich die Behandlungen einschließlich Kur noch vor Weihnachten abgeschlossen sind. Alle Untersuchungsergebnisse geben Grund zur Hoffnung, dass die Behandlung erfolgreich war und nicht mit einer Wiederkehr der entarteten Zellen zu rechnen ist. Die Gymnastikstunden in Turnhalle und Schwimmbecken bei der Reha haben dafür gesorgt, dass die Muskeln wieder aufgebaut werden, die in den vielen Wochen im Bett verschwunden waren. So kann ich mich freuen, wie die Lichter des Weihnachtsbaums sich in den Augen unserer Kinder spiegeln - und darüber amüsieren, mit welcher Hartnäckigkeit die kleinen Kinderhände ungeschickt nach den bunten Glaskugeln greifen. Nur meine Frau findet den Entdeckungseifer in dem Fall nicht erfreulich. Nun, ich hatte ihr gleich gesagt, dass wir den Baum untenherum dieses Jahr besser kahl lassen.

Allen, die ganz normal Weihnachten feiern nach einem ganz normalen Jahr, wünsche ich, den Glanz der kleinen Dinge neu zu entdecken und das ewige Licht nicht aus dem Blick zu verlieren.

Dienstag, 23. November 2010

Kurmuffel

Reha oder Kur oder ganz amtlich “Anschlussheilbehandlung” - so heißt die Veranstaltung, die mich in den nächsten drei Wochen beschäftigen wird. Morgen geht’s los. Beim Kofferpacken fühle ich mich etwas ratlos, weil ich mir kaum vorstellen kann, was mich in Neutrauchburg erwartet. Viele schwärmen von Kuraufenthalten wie von Urlaubsreisen. Doch Ende November hält sich der Charme auch von ausgewählten Kurorten hier im Allgäu vermutlich in Grenzen. Wenn die Kur noch bis Mai warten könnte und ich dann an die Nordsee oder auf die Insel Rügen fahren würde, wäre ich vermutlich begeistert. Statt dessen schaue ich auf den Packzettel und vermute hinter Turnschuhen (mit weißen Sohlen!), Trainingsanzug und festem Schuhwerk ein Programm von Turnstunden, die mir schon in der Schule ein Graus waren. Ob ich mich für Gesprächsgruppen mit Gruppendynamik und Ergotherapie mit Bildermalen oder Körbeflechten begeistern kann - mal sehen. Meine Frau empfiehlt Ausdruckstanz und einen Kochkurs.

Inwieweit ich telefonisch erreichbar sein werde, wird sich zeigen. In den Unterlagen wurde ein strenges Handy-Verbot auf dem gesamten Klinikgelände erwähnt. Nachdem selbst in den Krankenhäuser neuerdings handyphoniert werden darf, klingt mir diese Regelung etwas antiquiert. Ob ich die hauseigene Telefonanlage sponsern oder zivilen Ungehorsam üben werde, könnt ihr gerne austesten.

Sogar der Rasierer ist aufgeladen und muss mit, denn - oh Wunder - es zeigen sich erste Ansätze von Haarwachstum. Die Augenbrauen färben sich dunkel und auf der Oberlippe deutet sich vorsichtig ein Bärtchen an. Über den Augen das darf wachsen aber mit einem Oberlippenbart lässt mich meine Frau nicht wieder nach Hause. Also wird rasieren geübt. Jetzt bin ich noch gespannt, in welcher Farbe sich die neuen Haare auf dem Kopf zeigen werden - ganz in Grau oder verjüngt und dunkel, wie das ja auch gelegentlich passieren soll.

Nicht einpacken konnte ich meinen Reise-Computer. Der wurde nach einem Defekt von der Service-Abteilung eines großen japanischen Elektronik-Herstellers noch nicht zurückgesandt. Was lange währt wird gut, so hoffe ich. Aus dem Grund werde ich zunächst die Zeit nicht - wie ich ursprünglich geplant hatte - zum bloggen nutzen können. Bleibt zu hoffen, dass ich über das Wochenende nach Hause kommen kann. Dann werde ich hoffentlich das frisch reparierte Netbook nächste Woche mitnehmen und viel tippen können. Vielleicht finde ich die Zeit und Energie um die alten Lücken in meinem Blog schließen zu können, für die es bisher nur die Überschriften gibt.  Natürlich schließe ich die Möglichkeit nicht aus, dass sich der Kurbetrieb kurzweilig genug zeigt, um neue Ideen für Blogeinträge zu liefern.

Sonntag, 21. November 2010

Ewigkeit im Herzen - und in den Genen

In den evangelischen Gottesdiensten wurden heute am Toten- oder Ewigkeitssonntag die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen. Sie sind uns vorausgegangen in die Ewigkeit. In vielen Fällen beendete irgend eine Form von  Krebs das Leben. Das ist der Gang der Dinge - so habe ich bisher gedacht. Doch in diesem Jahr wäre mein Name beinahe mit verlesen worden. Ein kleiner Fehler der Ärzte hätte ausgereicht.

Welche Gefühle und Gedanken weckt die Erinnerung an die Ewigkeit? "Ewigkeit" macht kein kurzweiliges Thema für den Stammtisch und es kann die Stimmung auf einer Party ruinieren. In einem alten Kirchenlied zum Ewigkeitssonntag heißt es: "O Ewigkeit, du Donnerwort!" Die Erinnerung an den Tod und was danach kommt, weckt uns auf aus dem Alltagstrott wie ein plötzliches Donnergrollen an einem heißen Sommertag. Einmal werde ich mich verantworten müssen vor dem Schöpfer und Herrn der Welt. Dann werde ich auch die Rechnungen begleichen müssen, um die ich mich hier in diesem Leben gedrückt habe.

"Ach, mit dem Tod ist alles aus!" so verdrängt man die donnernde Stimme, die uns mahnt: "Bist du bereit für die Ewigkeit?" Oder man schiebt den Gedanken auf die lange Bank: "Darum kümmere ich mich, wenn ich alt geworden bin!" Aus dem Ewigkeitssonntag wurde auf diese Weise der Totensonntag. Man erinnert nicht so gern an die Ewigkeit, sondern schaut zurück auf das Leben der Verstorbenen und auf Glück und Leid, das sie durchlebten. Doch die Mahnung der Ewigkeit lässt sich nicht verdrängen. Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt - so heißt es im Prediger Salomo (Pred 3, 11). Tief in unserem Denken liegt das Wissen verwurzelt: Die siebzig oder achtzig Jahre auf diesem Planeten können nicht alles sein. Es muss noch mehr geben.

Eine Generation nach dem Lied "O Ewigkeit, du Donnerwort!" nahm sich Kaspar Heunisch das Lied von Johann Rist erneut vor und dichtete es um. "O Ewigkeit, du Freudenwort" sang er. Und beides ist wahr. Zwischen beiden Liedern liegt die Begegnung mit Jesus. Im Licht seines Kreuzes erscheint die Ewigkeit nicht mehr als der Ort der Strafe. Jesus hat mit seinem Tod am Kreuz das Sühnegeld bezahlt und die Tür zum Paradies wieder geöffnet. Im Vertrauen auf ihn  bedeutet "Ewigkeit" nicht mehr: "Ich werde büßen müssen!" Für alle, die an Jesus glauben bedeutet Ewigkeit: Ich darf bei Gott leben. Jesus schenkt mir ein gültiges Visum für ein Land ohne Leid und Not, ohne Tumore und langsames Sterben.

Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Unser Herz weiß um das Leben ohne Ende nach dem Tod. Und vielleicht kann man im Hinblick auf so viele Fehlschläge in der Krebsforschung und -behandlung sagen: Gott hat die Ewigkeit auch in unsere Körperzellen und Gene gelegt. Bisher konnte weder der Grund für das Altern des Menschen gründlich aufgeklärt werden noch die Ursache für das wilde, zerstörerische Zellwachstum in Tumoren. Einerseits altern Körperzellen und sterben ab und mit ihnen wird der gesamte Organismus dem Altern und Sterben unterworfen. Andererseits beginnen gerade im Alter einige Körperzellen wild zu wachsen und entziehen sich der Steuerung des gesunden Organismus - mit ebenso zerstörerischen Folgen. Die Ursachen konnten bisher kaum erforscht werden und damit bleiben die Möglichkeiten zur Heilung begrenzt. Es mag unwissenschaftlich klingen - doch vielleicht lässt sich hier erkennen, dass wir an die Grenze stoßen zur Ewigkeit. Ursprünglich waren unsere Körper gemacht für die Unsterblichkeit. Doch dann wurde gewissermaßen eine Sperre eingefügt. Damit sind unsere sterblichen Hüllen der Vergänglichkeit unterworfen. Erst in der Ewigkeit, erst nach dem Tod werden wir einen unsterblichen Körper wiederbekommen.

Hier liegt der Trost für alle Krebskranken und -opfer, für die die Medizin noch keine Hilfe bieten kann. Krankheit und Tod bilden in unserer Welt das Tor zum Leben ohne Ende - zur Ewigkeit. Dieser Gedanke lässt sich denken, denn Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Doch der Gedanke fällt mir schwer. Zu sehr klebe ich an diesem Leben. Zu schnell überwältigt mich die Furcht vor dem strafenden Gott, dem ich in der Ewigkeit begegnen werden. Zudem fällt es schwer, an Gottes Vergebung zu glauben und an die Eintrittskarte für die himmlische Festtafel, die Jesus uns ganz umsonst schenken will.

In der letzten Strophe eines Abendliedes heißt es: "O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne." Es braucht Gewöhnung, dass ich meine Tage gehen kann mit einem sehnsuchtsvollen Blick auf die Ewigkeit.  Es mag ironisch klingen - aber eine Krankheiten wie Krebs kann helfen bei diesem Gewöhnungsprozess. Diese Diagnose mahnt unüberhörbar: deine Tage sind gezählt. Um so mehr freue ich mich über die Hoffnung, an die der Ewigkeitssonntag erinnert. Die Tür zu Gottes ewiger Welt steht offen. So viele sind mir bereits im Glauben vorausgegangen. Einmal werden auch ich die Pracht und Herrlichkeit sehen können, die Gott für seine Kinder vorbereitet hat. Mit dieser Hoffnung vor Augen, kann ich dankbar die Tage leben, die Gott mir noch auf dieser Welt gibt. Durch das Können der Ärzte und durch die Möglichkeiten der modernen Medizin habe ich möglicherweise noch einige Jahre oder sogar Jahrzehnte hinzu geschenkt bekommen. Das ist Zeit, die ich nutzen kann für die Aufgaben, in die Gott mich stellt. Aber die Hoffnung und Sehnsucht greifen weiter voraus, dorthin wo ich in der Ewigkeit zu Hause sein werde. Und sollte diese Krankheit wiederkommen oder eine andere sich einstellen, dann rückt die Reise nach Hause näher.

Mittwoch, 3. November 2010

Von Hämoglobinwerten und Adlersflügeln

Vertreiben sich Fremde die Zeit mit einer Diskussion über ihre Blutwerte, dann sitzt man vermutlich im Wartezimmer einer onkologischen Arztpraxis. Ich höre mir an, wie es den beiden Damen neben mir ergangen ist mit Hämoglobinwerten unter acht. “Man fühlt sich den ganzen Tag lang schläfrig und antriebslos und in der Nacht will sich der Schlaf nicht einstellen, weil man am Tag zu viel geschlafen hat.”  So kenne ich das auch und beschließe mitzureden. “Ja, man fühlt sich wie im Hochgebirge auf über 3000m.” Damit können die Damen nichts anfangen. Noch ein Versuch: “Ich schleiche durch die Wohnung wie ein 80jähriger.” Das findet zumindest die eine nicht lustig, da sie dem Augenschein nach von diesem Zustand nicht mehr weit entfernt ist - auch ohne Blutarmut. Also gut, dann verlege ich mich wieder auf das Zuhören. Die eine Dame erläutert ihre Lösung für das Problem. Von Bekannten wurde ihr ein Kristall empfohlen. Jetzt trägt sie diesen Stein an einer Kette immer um den Hals - und siehe da, ihre Hämoglobinwerte pendelten sich bei gesunden dreizehn ein. Was soll man davon halten? Hat ihr Körper tatsächlich auf den Kristall reagiert? Ist es der Glaube an die Macht der Kristalle, der für schnelle Blutbildung sorgt oder wären ihre Blutwerte auch ohne den Stein wieder gestiegen? Rings um die Diagnose Krebs blüht der Aberglauben. Je auswegloser die Lage erscheint, desto mehr vertraut man auf Wunderheilmittel.

Ich habe bei zu geringen roten Blutkörperchen bisher auf das Mittel der Ärzte vertraut - Bluttransfusion. Zwei Beutel mit “Erythrozyten” als Infusion in den Blutkreislauf erfordern zwei Stunden sitzen und warten, bis der rote Saft in die Venen getropft ist. Das bewirkt Wunder. Plötzlich kommt die Kraft zurück und man fühlt sich von früherem Tatendrang eingeholt. 

Eine solche Bluttransfusion erinnerte mich an Worte aus dem Propheten Jesaja, in denen neue Kraft beschrieben wird mit einem Bild aus der Natur.
  •  Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 30-31)
Das Vertrauen auf Gottes Hilfe und Führung kann neue Kraft schenken, die in die Höhe fliegen lässt wie auf Flügeln von Adlern. Von dort oben, erscheinen unsere Sorgen und unlösbaren Probleme dann klein und leicht zu überwinden. Was aber wenn eine unheilbare Krankheit das Leben zerstört? Was helfen dann noch die Flügel von Adlern? Was ändert das Vertrauen auf Gott, wenn er offenbar doch nicht eingreift in das zerstörerische Werk der Natur? Die Adler fliegen so hoch, dass sie über die Berge schauen können, die uns am Horizont den Blick verstellen. Die auf den HERRN harren, schauen im Glauben hinüber. Sie wissen von der Freude, die Gott uns nach diesem Leben in der Ewigkeit schenken will, in einer Welt ohne Mühsal und Leid, ohne Krankheit und Tod. Mit diesem Blickwinkel verlieren die Leiden dieser Zeit ein Stück ihrer Schrecken.

Dann bin ich dran mit der Blutkontrolle und bekomme eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute bezieht sich auf die weißen Blutzellen - die sind wieder da und am Steigen. Meine Immunabwehr kommt also wieder in Gang. Die schlechte Nachricht: der Hämoglobinwert liegt auf glatt sieben. So tief war er lange nicht. Damit ist klar, warum ich mich so schlapp fühle. Mitten in der Chemotherapie wäre jetzt eine Bluttransfusion angesagt gewesen, um schnell fit zu werden für den nächsten Hammer. Jetzt, nach der Chemo, drängt der Arzt nicht zu solchen Mitteln. Da ich vor der letzten Bluttransfusion tatsächlich den Zettel mit den Risiken und Nebenwirkungen gelesen hatte, bin ich auch nicht scharf drauf. Also wird’s nichts mit den Adlersflügeln für diesmal - jedenfalls nicht mit denen aus der Blutkonserve.

Montag, 1. November 2010

Umzug

Die letzten Beutel und Taschen stopfe ich im Kofferraum unseres Autos unter die Decke und auf der Rücksitzbank zwischen die Kindersitze. Hier passt nichts mehr rein. Der Nachbar beobachtet die Pack-Aktion und fragt neugierig, ob wir noch Platz für die Kinder gelassen hätten. Haben wir und die Kinder sitzen auch schon in ihren Babysitzen. Dann kann es endlich losgehen.

Für meine Frau ist es ein schwieriger Abschied. Fast ein halbes Jahr hat sie mit den Kindern jetzt hier im Schwarzwald im Haus ihres Bruders und in ihrer alten Heimat gewohnt. Sie konnte manche alten Bekanntschaften auffrischen und hat in diesem schwierigen Sommer viel Hilfe erfahren. Die Kinder haben hier gelernt sich hinzusetzen und auf allen Vieren die Stube zu erobern. Der Opa hat eifrig begonnen Sohnemann durch den Flur laufen zu lassen - gestützt von zwei Händen natürlich. Meiner Frau und ihrer Familie fällt der Abschied schwer.

Ich will nur weg. Schade, aber für mich schmeckt hier alles nach Chemo. Wenn ich aus der Klinik kam, musste ich das Bett hüten und konnte kaum etwas essen. Mit den Kindern spielen war kein Vergnügen und ging über die Kräfte. Wenn es mir wieder besser ging, war bald der nächste Block Chemo fällig. Ich hoffe, diese Erinnerungen werden nicht für immer mit der Nagolder Gegend und der Familie dort verbunden bleiben. Aber für heute muss ich weg, weit weg.

Es ist schon längst dunkel, als wir mit schreienden Kindern im Allgäu ankommen. Für die nächsten Tage wird unsere Wohnung wie eine Karawanserei aussehen. Die doppelte Haushaltsführung hat so einiges an zusätzlichem Küchengerät gebracht. Die Kinder “helfen” in den nächsten Tagen mit Begeisterung beim Auspacken und Einräumen.

Montag, 25. Oktober 2010

“Wir haben Sie geheilt!”

“Wir haben Sie geheilt!” Das waren die Abschiedsworte des Stationsarztes. “Seine Worte in Gottes Ohr!” denke ich zuerst. Dann sollte ich eigentlich vor Freude tanzen und die ganze Welt umarmen. Ich werde als geheilt entlassen. Doch mir ist nicht nach Jubel zumute. Vielmehr kann ich kaum die Kraft aufbringen, um aus dem Bett zu kommen. Es gibt da offenbar einen Unterschied zwischen “geheilt” und “gesund”. Wenn ich nicht schon aus Erfahrung wüsste, dass die unmittelbaren Nebenwirkungen der Chemo bald nachlassen werden, würde ich noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.  Man kann getrost sagen, dass mich die Ärzte mit ihrer Behandlung in dieser Woche mal wieder so richtig krank gemacht haben. Das ist der erste Eindruck. Doch der äußerliche Eindruck täuscht. Die Ärzte haben mich in sofern geheilt, dass sie die Krebszellen abgetötet haben mit ihren Medikamenten (hoffentlich alle, sodass sich keine erneut vermehren können). Was mich jetzt krank macht, sind allesamt Nebenwirkungen der Chemo. Die Zeit muss jetzt die vielen kleinen Wehwehchen heilen oder die Reha (“Anschlussheilbehandlung”) Ende November. Bis ich wieder gesund bin, können noch Monate in’s Land gehen.

Trotzdem, wenn die Worte des Stationsarztes eine Art Abschlussdiagnose darstellen, dann gibt es viel Grund zur Dankbarkeit. Dankbar bin ich für die Kunst der Ärzte und die Betreuung in der Klinik. Dankbar bin ich für die vielen kleinen Handgriffe der Schwestern, die dafür gesorgt haben, dass die Infusionen richtig liefen. Vor allem gilt der Dank Gott, meinem Ober-Arzt. IHM danke ich, dass er die Hand der Ärzte bei allen Entscheidungen geführt hat und dass es zu keinen Komplikationen und Zwischenfällen gekommen ist, die eine erfolgreiche Behandlung verhindert hätten. IHM kann ich auch die Sorge anvertrauen, ob wirklich alle Krebszellen abgetötet werden konnten und dass die Krankheit nicht erneut ausbricht.

“Wir haben Sie geheilt!” Da schwillt die stolze Brust des Mediziners und sie können ja wirklich stolz sein. Durch das Können der Hämatologen ist Blut- oder Lymphknotenkrebs nicht mehr das Todesurteil, der er noch vor einer Generation war. Doch dieser Stolz bekam in den letzten Tagen einen faden Beigeschmack. Die Ärzte wollen mich nicht gehen lassen. Es stehen noch einige Behandlungen und Nachuntersuchungen an, die ambulant durchgeführt werden. Dazu hatte ich auf eine Überweisung aus Sindelfingen zu einem Arzt in der Nähe unseres Wohnortes gehofft. Doch die Überweisung blieb aus. Als ich mich selbst um eine Arztpraxis in Wangen kümmerte, war die Reaktion der Krankenhausärzte eher frostig. Sie scheinen allen Ernstes zu erwarten, dass ich wegen der ambulanten Termine jeweils die 250 km vom Allgäu nach Sindelfingen fahre, wenn ich diese Untersuchungen auch mit 2 km Fahrweg vor Ort haben kann. Da scheint unter den Ärzten noch echte Kleinstaaterei zu herrschen.

Ich darf nach Hause. Die nächste Woche über werden wir noch im Schwarzwald wohnen, wo Frau und Kinder für die vergangenen Monate eine vorübergehende Bleibe bei der Verwandtschaft gefunden haben. Und bald können wir ganz zurück in unser zu Hause in Wangen. Für die nächsten Wochen gilt allerdings erstmal die Warnung des Chefarztes: “Werden Sie nicht leichtsinnig!” Die Immunabwehr des Körpers wird auch diesmal wieder in den nächsten Tagen zusammen brechen. Die  Gefahr einer Infektion besteht auch nach der letzten Chemo. Trotzdem: Die Ärzte gehen davon aus, dass sie den Krebs geheilt haben. Gott sei Dank!

Montag, 18. Oktober 2010

Chemo Nr. 6

Zwei Wochen in der Freiheit gingen viel zu schnell vorüber. Die erste Woche verbrachten wir in Wart im Schwarzwald bei Claudias Bruder. Die Ärzte wollten, dass ich noch in der Nähe der Klinik bleibe. Claudia hatte nicht nur einen kranken Mann zu versorgen, sondern auch kranke, verschnupfte Kinder. In der zweiten Woche habe ich mich für die Blutkontrolle in Wangen angemeldet in der Praxis, die vielleicht für die nächsten Jahre die Nachsorge übernehmen kann.
Das letzte Wochenende brachte einiges an Abwechslung. Pastor Kubitschek kam zur Vertretung in den Süden. So hatten wir einen Gottesdienst in Vorarlberg und Gäste zur Übernachtung und am Sonntag noch einen Gottesdienst mit zwei Taufen in Stuttgart. Für einen routinierten Pastor bringt es eine ganz eigene Erfahrung, wenn man in der Kirchenbank sitzt. Eigentlich wäre es ja meine Aufgabe  - und meine Freude - gewesen, die Kinder zu taufen. Immerhin wurde ich gebeten, das Patenamt zu übernehmen. Man scheint doch damit zu rechnen, dass ich noch ein paar Jahre gesund sein werde ;-)

Heute geht's wieder in die Klinik zum nächsten Block der Chemotherapie. Diesmal ist's das letzte Mal. Endspurt sozusagen. Gott kann es schenken, dass die letzten Infusionen auch die letzten lebenden Krebszellen abtöten, die möglicherweise bis jetzt überlebt haben.

Wenn ich in einer Woche nach Hause komme, werde ich vielleicht schon keine PICC-Line mehr an meinem Arm haben (der Schlauchanschluss für die Infusionen). Dann könnte ich theoretisch wieder schwimmen gehen und nachholen, was ich im Sommer verpasst habe. Nur, dass jetzt die Blätter fallen und die Herbstnebel nicht mehr zum Badengehen einladen.

Montag, 4. Oktober 2010

Fachchinesisch

Rituximab, Vincristin, Methotrexat, Dexamethason, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Cytarabin - so liest sich im Arztbrief die Liste der Medikamente, die mir im Verlauf der letzten Woche in die Adern gepumpt oder in das Gehirnwasser gespritzt wurden. Beim Reigen so klangvoller Namen kann man ja nicht anders als gesund werden. Nunja, die meisten dieser Medikamente - oder sollte ich “Gifte” sagen - gehören zur Gruppe der Zytostatika. Was sie tun, kann der Arzt offenbar dem Laien nicht wirklich erklären. Wer genauer nachfragt, bekommt Hinweise auf die Mechanismen in den Zellen, die bei der Zellteilung die Erbinformation (DNA) verdoppeln und an die neu entstehenden Zellen weitergeben. Die Medikamente der Chemotherapie greifen an verschiedenen Stellen in diese Mechanismen ein, um die Verdopplung der DNA zu vereiteln und so die Zellteilung zu verpfuschen. Was übrig bleibt wird über die Nieren und den Gang zum Örtchen ausgeschieden. Um diese Ausscheidung am Laufen zu halten, gab es in der vergangenen Woche zudem noch literweise Infusionen mit Kochsalzlösung und Zuckerwasser. Der Cocktail von so vielen verschiedenen Medikamenten wird notwendig, weil die Krebszellen schlau sind. Einige entwickeln die Fähigkeit, die auf sie abgefeuerten tödlichen Gifte zu erkennen. Wie mir der Arzt sagte, bauen sie “Pumpen” an ihre Zellwände, die das Gift nach draußen befördern. Das gelernt und überlebt, werden die Zellen resistent - also unempfindlich gegen ein bestimmtes Mittel. Da die gelernte Information an die Tochterzellen weitergegeben wird, können sich ganze Stämme von Krebszellen bilden, denen eines der Mittel nichts mehr anhaben kann. Daher hilft zum Auslöschen der Krebszellen, wenn bald noch ein ganz anders geartetes Gift hinterherkommt, dass hoffentlich nicht auch entdeckt wird und doch zum Absterben der schlauen Krebszelle führt.

Dummerweise hören nicht nur die Krebszellen auf die Totenglocken der Zytostatika. Alle Körperzellen, die gerade wachsen, sind betroffen - auch die ganz normal wachsen sollen. Die Haare können nicht mehr weiter wachsen und fallen aus. Daran erkennt man ganz offensichtlich Chemo-Patienten. Aber auch Schleimhäute leiden unter dem Dauerbeschuss. Die Zunge wird taub und auch das beste Essen schmeckt wie Gummi mit Seife. Wenn es dumm kommt, bilden sich wunde, schmerzende Stellen im Mund und im Rachen. Dagegen hilft nur mehrmals täglich eine peinlich genaue Mundhygiene. Der Magen will nicht mehr und schickt die Kalorien retour. Auch die Darmschleimhäute bekommen ihr Teil und verweigern den Dienst. Die Fingerkuppen werden wund, sodass die Tastatur des Computers nur noch mit langen Fingernägeln bedient werden kann. Manchmal ziehen die Kuppen der Zehen nach, sodass man keine Schuhe mehr anziehen kann. Davor bin ich bisher allerdings verschont geblieben. All das sind für den Arzt kleine Wehwehchen und es gibt eine Spritze hier oder eine Salbe da und man kann sich trösten mit der Hoffnung, dass es in einer oder zwei Wochen wieder besser gehen wird.

Der eigentliche Ärger, den auch die Ärzte mit wachem Auge beobachten, kommt an anderer Stelle: Auch die Bildung neuer Blutzellen gerät aus dem Gleichgewicht, sodass es bald an weißen Blutkörperchen mangelt oder auch an den roten oder dass Blutplättchen fehlen und noch so einige andere Bestandteile einer gesunden Blutbildung. Das kann lebensbedrohlich werden. Das Immunsystem versagt seinen Dienst (die weißen Blutkörperchen), es kann zu unkontrollierten Blutungen kommen (die Blutplättchen) und das Atmen fällt schwer (die roten). Um diese Entwicklung zu begleiten und ggf. Gegenmaßnahmen einzuleiten, ruft man mich auch nach der Entlassung aus der Klinik zwei Mal in der Woche zur Blutkontrolle zurück ins Krankenhaus. Neulich las ich, dass es wohl bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis sich all diese Verschiebungen wieder normalisiert haben.

Der weitverbreitete Zelltod im Körper nach einer Chemo-Behandlung bewirkt die allgemeine Kraft- und Mutlosigkeit, die die Chemotherapie zu einer Rosskur macht, die wohl nur zu ertragen ist mit der festen Hoffnung, dass Heilung am Ende der Behandlung steht. Ich kann gut verstehen, wenn Krebskranke Chemotherapien abbrechen oder ganz verweigern, wenn es doch keine Hoffnung auf Genesung gibt. Was ist schwerer zu ertragen: der schleichende Tod, den ein Tumor mit seinen Metastasen bringen kann oder eine Behandlung, die Schritt für Schritt auch das Lebenslicht ausbläst? Kommende Generationen werden möglicherweise zurückblicken auf die Chemotherapien unserer Zeit wie wir auf Aderlass und Blutegel im Mittelalter. Man wird vielleicht den Kopf schütteln und denken: “wussten die damals nicht, dass Krebs .....” Wer den Satz heute schon zutreffend zu Ende führen kann, dürfte ein Kandidat für den Nobelpreis sein.

Nach einer letzten Dosis Zytostatika ins Gehirnwasser werde ich entlassen. Zu Hause darf sich mein geschundener Körper erholen bis er reif ist für die nächste Chemo. Meine Frau hat mit den Kindern das Wochenende mit dem Tag der Deutschen Einheit als gute Schwäbin in Sachsen verbracht. Es trifft sich, dass sie gerade auf der Autobahn den Raum Stuttgart erreicht, als ich fertig bin für die Entlassung. So holt sie einen Ehemann aus dem Krankenhaus, dem es vor einer Woche noch recht gut ging und der jetzt wieder auf dem Zahnfleisch kriecht.

Samstag, 2. Oktober 2010

Testergebnis: unbezahlbar

Befund negativ! Auf diese gute Nachricht wartet so mancher Patient, wenn Tests durchgeführt und Proben eingeschickt wurden. "Negativ" heißt in dem Zusammenhang: es wurde keine Krankheit (mehr) gefunden, was in den meisten Fällen eine recht positive Nachricht darstellt.

Das Material aus meiner neuesten Knochenmarkpunktion wurde nicht nur im heimischen Labor des Krankenhauses ausgewertet, sondern auch in ein Speziallabor nach Kiel geschickt. Was die Befunde angeht, gibt’s eine Enthüllung eigener Art. Am Beginn meiner Behandlung wurde eine Anzahl von etwa 10 hoch 12 erkrankter Zellen in meinem Körper gefunden (bzw. hochgerechnet) - also eine 1 mit 12 Nullen. Im hauseigenen Labor können nur entartete Zellen nachgewiesen werden über einer Anzahl von etwa 10 hoch 9. Wenn es weniger sind, bleiben sie unerkannt. Diese Zahl war in meinem Fall schon nach dem zweiten Block der Chemo unterschritten, was auf ein gutes Ansprechen der Behandlung deutet. Diesmal wurde eine Probe nach Kiel eingeschickt, wo Molekularuntersuchungen durchgeführt werden, um einen sogenannten MRD-Wert zu bestimmen - was so viel heißt wie “minimale Resterkrankung”. Mit den aufwändigen Methoden eines Speziallabors können auch Krebszellen in deutlich kleineren Zahlen nachgewiesen werden, die sich irgendwo im Körper versteckt halten.

Und der Befund? Negativ: die Krankenkassen bezahlen diese Untersuchung nicht. Als sich die Behandlungsmethoden noch in der Testphase befanden, wurden solche Untersuchungen aus öffentlichen Fördertöpfen bezahlt, sagte mir der Arzt. Aber diese Töpfe sind leer. Folglich wird meine Probe in Kiel nur auf Eis gelegt. Falls die Leute im Labor mal nichts anderes zu tun haben, könnte es sein, dass sie einen Befund schicken. Läuft also meine Behandlung jetzt im Blindflug weiter?

Es hat wohl seinen Grund, warum die Krankenkassen solche aufwändigen Tests nicht bezahlen. Beim Stöbern im Internet las ich, dass diese Tests ein Testergebnis “positiv” zeigen können ab einer Anzahl von 100 000 erkrankten Zellen . Was darunter liegt, bleibt auch dem Labor in Kiel verborgen. Man muss sich vorstellen, dass ein Rest von einer handvoll entarteter Zellen ausreicht, um die Krankheit erneut ausbrechen zu lassen. Theoretisch würde eine einzige überlebende Krebszelle genügen. Folglich hätte ein “negativ” aus Kiel keine beruhigende Aussagekraft. Ob nach der Chemotherapie noch eine Rest-Krankheit vorhanden ist, wird man erst zuverlässig sagen können - Test hin, Test her - wenn sich in zwei Jahren keine Zellen vermehrt haben werden und die Krankheit nicht erneut ausgebrochen sein wird. Es bleibt also abzuwarten, ob Mr. L nach der letzten Chemo völlig aus meinem Körper ausradiert wurde. Gott möge es schenken. Und die Krankenkassen sollen ihre begrenzten Mittel besser für wichtige Heilbehandlungen ausgeben.

Montag, 27. September 2010

Von den Grenzen der Schulmedizin

Punkt neun steht das Taxi vor der Tür. Meine Krankenhaustasche ist gepackt. Ich fühle mich gesund und könnte meine letzten Wehwehchen zu Hause ausheilen. Doch nein, der Eindruck täuscht. Da schwirrt möglicherweise noch eine gute Zahl entarteter Zellen in meinem Blut- und Lymphsystem. Noch zwei Blöcke Chemotherapie stehen auf dem Programm, um auch die letzten überlebenden Krebszellen auszuradieren. Also geht’s heute wieder in die Klinik, zum vorletzten Mal und wieder für eine Woche. Der Empfang in der Klinik läuft schleppend. Als ich endlich mein Bett auf der Station habe, steht schon das Mittagessen auf dem Tisch.

Noch bevor ich die Vorsuppe löffeln kann, kommt die Visite in’s Zimmer geschneit. Zwei Ärzte schauen mich unschlüssig an und es wird schnell klar, dass die Herren in Weiß nicht mit mir hinter dieser Zimmertür gerechnet hatten. Wer weiß, ob da gerade jemand verlegt oder entlassen wurde. Der Oberarzt versucht, sich keine Blöße zu geben und fragt nach meinem Ergehen. Als Gesprächseinstieg - so jedenfalls meine Vorstellung - erzähle ich, dass es in der letzten Woche wenig an unangenehmen Nebenwirkungen gab und ich sogar Brennholz “aufgebeigt” habe. Seine Antwort überrascht mich. Ein paar kurze Floskeln bekomme ich zu hören, die vermutlich gut zu einem Treffen mit dem Nachbarn auf der Treppe im Hausflur gepasst hätten. Ob ich mit der Axt in den Wald gezogen wäre, will er wissen. Und schon sind die Ärzte wieder draußen.

Irgendwie spüre ich einen faden Geschmack auf der Zunge, obwohl die Chemo noch gar nicht angefangen hat. Nach meinem Gefühl hätten sich die Ärzte nach meinem Befinden erkundigen sollen, und zwar nicht nur nach den rein medizinischen Aspekten, die sie aus den Blutwerten ablesen können.  Hätten sie sich nicht auch nach meiner Familiensituation erkundigen sollen und den Tagen in der Heimat? Darüber hinaus hätte ich gerne mit ihnen meine Erfahrung besprochen, dass ich in Wangen für die Blutkontrolle eine onkologische Praxis gefunden habe. Man hätte mir erläutern sollen, was in dieser Woche der Chemo auf mich zukommt und worauf ich mich einstellen sollte. Doch all das kommt nicht zur Sprache.

Während ich meine Gabel in die Kartoffeln steche und das Geschnetzelte koste, muss ich meine Gedanken zusammen nehmen. Nein, der erste Eindruck täuscht. Ich werde hier nicht veralbert oder links liegen gelassen. Wie immer werden meine Befunde von dem zuständigen Arzt sorgfältig ausgewertet. Meine Medikamente wurden in der Krankenhausapotheke ganz persönlich für meine Behandlung abgestimmt. Heute Nachmittag noch wird die Behandlung beginnen mit einem Medikament, das erst vor wenigen Jahren auf den Markt gekommen ist, und die Heilungschancen für meine Krankheit um über 20% auf mehr als  80% gesteigert hat. Ja, die Schulmedizin kann mir helfen, und zwar meinem Körper. So eine kleine Panne bei einer Visite darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auf höchstem Niveau für meinen kranken Körper gesorgt wird.

Doch genau darin zeigen sich die Grenzen der Behandlung in einer modernen Klinik, die Grenzen der Schulmedizin überhaupt. Für den Körper wird gesorgt mit Fachwissen auf nie gekanntem Niveau und mit ständig erweitertem medizinischem Aufwand. Die Sorge für die ganze Person des Patienten mit Körper und Seele findet in dem System der Schulmedizin jedoch keinen Platz und von den Krankenkassen keine Bezahlung.

In einem Gespräch in der vergangenen Woche mit einer homöopathischen Ärztin anthroposophischer Prägung war ich auf dieses Spannungsfeld hingewiesen worden. Die alternativen Heilmethoden haben den ganzen Mensch im Blick und darin liegt die Stärke der Nicht-Schulmediziner. Deren Arzneimittel erscheinen fraglich und ihre Wirkung kann rein statistisch kaum nachgewiesen werden. Und doch spricht so manche Behandlung an, die jenseits des Fachwissens der Schulmediziner von alternativen Heilern angeboten wird. Sie setzen bei der Seele des Patienten an und können sogar auf Medizin verzichten, die am Körper eine nachweisbare Wirkung erzielt.

Es wäre unfair zu sagen, dass die Schulmedizin versagt hat. Im Gegenteil, sie kann beachtliche Erfolge vorweisen, was von alternativen Heilmethoden rein statistisch gesehen nicht gesagt werden kann. Und doch fällt die Schulmedizin im Ansehen der Patienten, gerade dann, wenn schnelle Heilung nicht möglich ist oder sogar die ehrliche Prognose gestellt werden muss: “Wir haben keine Mittel mehr zur Verfügung gegen ihre Krankheit!” Ein so umfangreiches Gebäude der medizinischen Wissenschaft wurde aufgebaut, dass dem Patienten im Krankenbett nicht mehr vermittelt werden kann, was mit ihm in seiner Behandlung gerade geschieht. Die Antworten der alternativen Heiler - und so mancher Scharlatane - lassen sich da viel leichter begreifen und geben die gesuchte Hoffnung - auch wenn diese sich als trügerisch erweisen muss.

Unser Schöpfer hat uns mit einer lebendigen Seele ausgestattet. Beide, Körper und Seele sind beteiligt, wenn es um Krankheit, Gesundheit und Heilung geht. Doch den Zusammenhang von Körper und Seele kann die medizinische Wissenschaft mit ihren Methoden kaum beschreiben. Gott, der Schöpfer unseres Körpers entzieht sich den Methoden der Wissenschaft. Jesus, unser Herr und Heiland kann nur durch den Glauben erkannt werden. Umfassende Heilung kann nur dort geschehen, wo der Draht zu dem besten Arzt geschaltet ist, wo Menschen im Glauben erfassen, dass Krankheit, Heilung und Gesundheit in Gottes Hand liegen. Jesus zeigt in der Geschichte vom Gichtbrüchigen (Markus 2, 1-12), dass ein gesundes Verhältnis zu Gott und damit die Heilung der Seele sogar Vorrang hat vor der Heilung körperlicher Gebrechen. Ein Gelähmter wird mit großem Aufwand zu Jesus gebracht und durch ein Loch im Dach an Seilen vor seinen Füßen abgelegt. Und Jesus sagt ihm: “Dir sind deine Sünden vergeben!” Alle staunen oder ärgern sich. Dazu hätte sich wohl keiner die Mühe gemacht, ein Dach aufzureißen. Und doch: Frieden mit Gott zu haben, das ist das wichtigste. Erst dann sagt Jesus noch fast beiläufig: “Nimm dein Bett und geh heim!”

Ich bin froh, dass durch den erfahrenen Dienst der Ärzte für meinen Körper gesorgt ist. Und es gibt mir Kraft zu wissen, dass so viele zu Gott beten, dass er mir Heilung und Kraft schenkt an Körper und Seele.

Samstag, 25. September 2010

Ängstlich wie die Kinder


Hurra, wir können stehen!
Kinder werden erst interessant, wenn sie einigermaßen reden können. So hatte ich bisher gedacht. Doch unsere Zwillinge belehren mich eines besseren. Es macht offenbar einen Unterschied, ob man fremde Kinder nur gelegentlich sieht, oder ob man Tag für Tag die Entwicklung bei den eigenen Kindern beobachten kann. Töchterchen hat mal wieder den Vorreiter gemacht und sich als erste aus eigener Kraft hochgezogen an den Gitterstäben des Bettchens. Sie kann auf den eigenen Beinchen stehen. Inzwischen beherrscht Sohnemann den Trick auch. Dabei benutzt er eine ganz andere Technik als seine Schwester. Aus dem Vierfüßlergang streckt er die Beine aus und dann braucht er eine Treppenstufe oder die gute alte Zeitungskiste neben dem Ofen, um sich aufzurichten. Dann stehen sie und freuen sich über die neue Perspektive. Nur eins fehlt ihnen noch. Sie haben noch nicht den Mut, einen Fuß vor den anderen zu setzen. An die Idee, dass Gott die Beine zum Fortbewegen gegeben hat, trauen sie sich alle beide noch nicht heran. Sollen wir ihnen zeigen, wie man läuft? Nun, bisher haben sie all die Tricks selbst herausgefunden, die wir ihnen mühsam beibringen wollten vor der Zeit. Alle Mühe war umsonst, die Kinder anzuregen, gezielt nach Spielzeug zu greifen. Plötzlich konnten sie es von selbst. Auch das Hinsetzen konnten wir ihnen nicht beibringen. Als die Muskeln stark genug waren, taten sie es von selbst. Ich gehe mal davon aus, dass die ersten Schritte auch kommen werden, wenn die Zeit dafür reif ist. Schließlich sind die beiden gerade mal neun Monate alt. Ob ich auch so viel Mühe hatte, laufen zu lernen? Zum Glück habe ich meine Erinnerungen an diese Plackerei verloren.

Übrigens hat die Kunst, gezielt greifen zu können, ganz konkrete soziale Folgen. Töchterchen nimmt ihrem Bruder mit einem gezielten Griff den Schnuller weg oder das Spielzeug, mit dem er sich gerade beschäftigt. Der Kleine bewegt seine Hände dann aber zu tollpatschig, um das Verlorene zurückerobern zu können. Tränen gibt es aber kaum - bisher. Schließlich liegt genügend Spielzeug herum um und die Aufmerksamkeit von Schwesterchen hat sich bald auch wieder anderen Dingen zugewendet und der Kleine findet seinen Schnuller unbeachtet auf dem Boden liegen.

Allein sein wollen die beiden nicht. Solange sie gemeinsam spielen, können wir nach nebenan gehen. Doch wenn Claudia ein Kind nach oben genommen hat zum Wickeln oder Baden, dann braucht das andere den Blickkontakt zum Papa. Ansonsten geht das Gebrüll los. Dabei muss ich nur auf die andere Seite des Ofens gehen oder in die Küche und kann sogar noch durch reden oder singen auf mich aufmerksam machen. Es hilft nichts, die Kleinen bekommen scheinbar Angst, wenn sie niemanden mehr sehen.

Die Bibel verwendet oft die Kinder als Vergleich für unser Verhältnis zu Gott. Hier liegt wohl auch ein Vergleichspunkt. Wir wollen Gottes große Werke in unserem Leben sehen und spüren. Sobald ER schwere Tage zulässt und Schicksalsschläge schickt, dann muss er wohl in den Urlaub gegangen oder mit etwas anderem beschäftigt sein. So denken wir ganz kindlich. Dabei ist Gott immer in Rufweite und schläft und schlummert nicht. Nur unser Blick scheint manchmal so kurzsichtig zu sein wie bei den Babies, die sich verlassen fühlen, wenn niemand mehr in Sicht ist.

Donnerstag, 23. September 2010

Ein Vorrat für viele Wintermonate

beiga: schlichten, stapeln” so erklärt das Schwäbischwörterbuch den Sinn eines Wortes, das in diesen Tagen im Schwabenland Hochkonjunktur hat. Der Winter naht, auch wenn keiner daran denken möchte. Bis dahin will genügend Holz in der “Beige” aufgebeigt haben, wer auf gut schwäbische Art das Geld für’s teure Heizöl spart und seine Stube mit Holz heizt. Wir tun’s auch und so galt eine meiner Aktivitäten während des Heimaturlaubs dem Holz. Fünf Meter (Raummeter, wie der Holzhändler sagt) bekamen wir geliefert. Im Vorfeld hatte ich mir schon Sorgen gemacht, wer das “aufbeigen” übernehmen könnte und ob wir jemanden zu Hilfe rufen sollten. Doch dann war meine Frau beinahe enttäuscht, dass ich ihr so wenig übrig gelassen habe von der urschwäbischen Arbeit. Ja, tatsächlich, es ging. Die alten Kräfte sind noch nicht zurück, doch sie kommen wieder. Ich fühle mich unsicher. Wie viel an körperlicher Arbeit kann ich mir abverlangen? Wann würde ich mich überfordern und die Heilung gefährden? Die Ärzte haben mir nahe gelegt, mich viel zu bewegen und den Körper wieder in Schwung zu bringen. Da kommt das Brennholz gerade recht und produziert wohltuenden Muskelkater. Besser als auf dem Sofa sitzen sind solche Aktivitäten wohl allemal. Und da die Brennholzfirma nicht alles Holz an einem Tag liefert, kommt mir’s gerade recht. So kann ich den Rest der Arbeit auf morgen vertagen.

Schließlich ist alles Holz drin - gutes, trockenes Buchenholz in langen Scheiten - und ich verschraube die Gitter vor der Beige wieder. Fertig. Da kommt mir der Gedanke: jetzt kannst du ruhig auf den Winter warten - du hast einen Vorrat auf viele Monate. Vielleicht reicht es sogar noch bis zum nächsten Winter. “Iss und trink und habe guten Mut”. Ups, das waren die Gedanken vom “reichen Kornbauern” aus dem Lukasevangelium. Jesus kommentiert diese Art von Vertrauen auf die großen Vorräte: “Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du aufgehäuft hast?”

Ja, wer wird das Holz verfeuern, das ich so mühsam aufgebeigt habe? In den vergangenen Jahren habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Mein Holz verheize ich. Doch mit den potenziell tödlichen Krebszellen im Blut sieht die Rechnung anders aus. Mir steht die Warnung von Jesus klarer vor den Augen. Es kann schnell sein, dass Gott meine Seele von mir fordert. Dann bleiben alle Vorräte zurück, die ich mir gesammelt habe.
 Nicht nur Krebszellen bedrohen unser Leben. Auch durch Unfälle oder Herzinfarkte kann Gott unerwartet unsere Seele einfordern. Wer will schon da stehen wie der reiche aber unkluge Kornbauer, dem die Warnung galt: "So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott." (Lukas 12, 21)?